Der Tampon im Hyperspace
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Im folgenden und in den folgenden drei Zitaten dreht es sich um die Menstruationsblutungen, die Schwierigkeiten und den »Horror« , die mit ihnen verbunden sind: als kulturhistorisches Phänomen, als soziales Traum oder als pharmakologisches und hygienisches Problem:
Weit verbreitet ist die Ansicht, daß S p i e g e l getrübt oder gar durchlöchert werden können, wenn menstruierende Frauen hineinstarren. Im Altertum waren es Metallspiegel, später solche aus Glas.
Der Grund dieser seltsamen Anschauung ist, daß man die Menstruation als eine Absonderung schlechter und verdorbener Körpersäfte ansah. Diese Körpersäfte sollten das Blut dick und schwarz machen und eine Art Blutdunst erzeugen, der wegen seiner Leichtigkeit nach oben zu den den höchsten Körperteilen steigt und aus den Augen wie aus Glasfenstern als Lebensgeist, Dunst oder Emanation ausströmt. Trifft nun ein solcher Blutdunst die Oberfläche eines Spiegels, so verdichtet er sich auf ihm, frißt ihn an und zerstört ihn.
Bächthold-Stäubli Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Bd. I, S. 685 (zitierte Quelle: Seligmann Zauberkraft, S. 374-375). [S p e r r u n g im Original]
Sie hat unter Regelschmerzen immer sehr gelitten. Bis sie Buscopan plus entdeckt hat. Es enthält einerseits den krampflösenden Wirkstoff Buscopan, der aus der Datura-Pflanze (Stechapfel) gewonnen wird, und wirkt deshalb krampflösend. Es enthält andererseits den bewährten schmerzstillenden Wirkstoff Paracetamol und wirkt deshalb auch schmerzstillend. So bekämpft Buscopan plus mit zwei Wirkstoffen den monatlichen Regelschmerz.
Anzeigentext für Buscopan® plus:
An manchen Tagen ist mir ein Stechapfel lieber als 1000 Rosen.
Ein Tampon traf sie an der Brust und fiel vor ihr zu Boden. Auf der saugfähigen Baumwolle erblühte eine rote Blume, die rasch größer wurde. Dann schien das Lachen - voller Ekel, Verachtung und Entsetzen - anzuschwellen und sich zu etwas Widerlichem, Häßlichem zu wandeln, und die Mädchen bombardierten Carrie nun regelrecht mit Tampons und Monatsbinden - einige aus Handtaschen, andere aus dem defekten Automaten an der Wand. (Sie rieselten wie Schneeflocken auf Carrie nieder), und die Mädchen sangen nun im Takt:
"Stopf es zu, stopf es zu, stopf es-
Stephen King Carrie
Als ein oft mit Regelschmerzen verbundenes, häufig als unangenehm empfundenes und bei Frauen im Alter von etwa 11-49 Jahren in monatlichen Abständen (ca. alle 29,5 Tage) wiederkehrendes Phänomen ist die Menstruation ein nach wie vor problematisches. Der »Bauplan« des weiblichen, menschlichen Körpers sieht vor, daß überschüssiges Blut und Gewebefasern des Mutterkuchens nach außen abgeleitet werden. Psychologisch erschreckend daran ist, das eigene Körpersubstanz, die im eigentlichen Sinne kein Abfallprodukt ist, wie die Exkremente es sind, nach außen abgestoßen wird.
Die aus dem Körper austretende Menstruationsflüssigkeit wird mittlerweile vor allem als hygienisches Problem angesehen. Etwa 100-250 g Blut werden bei der Regelblutung einer erwachsenen Frau, 65 ml bei einem jungen Mädchen ausgeschieden.
Da das Ausfließen, Wegfließen und Heraustropfen vom Menstruationsblut sich nicht vom Willen beeinflussen läßt, es ist eine unwillkürlich ablaufende Körperfunktion ist, die biologisch zeitlich geregelt wird, sind menstruierende Frauen von dieser biologischen Körperfunktion in ihrem Lebensrhythmus stark beeinflußt. Die Belastung - zeigt sich - hat nicht nur physiologische, sondern auch weitreichende psychologische Dimensionen.
Auch das erste Auftreten (Menarche) wie das Aufhören der Menstruationsblutungen im Alter (Menopause) sind für die betroffenen Frauen von hohem psychologischen Stellenwert. Die hormonellen Veränderungen während des Menstruationszyklusses sind beträchtlich. Schließlich bleiben die starken Schwankungen im Hormonhaushalt nicht ohne Auswirkung auf das psychische Empfinden. So wird von menstruellen Stimmungsschwankungen gesprochen. Und die Psycho-Pharmakaindustrie wiederum hat emotionale Unebenheiten während der Tage der Menstruation als bedeutendes Marktpotential entdeckt.
Eine Uhr tickt im Inneren der Frau, die nicht vom Menschen selbst gestellt wurde, und die in ihrem zyklischen Zeitschema nur noch im korrespondierenden Zeitschema von Verhütungspillen-Dosierungen reflektiert wird. Ansonsten ist diese biologische Zeit dem linearen Zeitfluß der »modernen« Zeit fremd, dem weiblichen Körper jedoch nach wie vor eigen.
Das Problempotential weiblicher Menstruationsblutungen ist dadurch erheblich, daß stammesgeschichtliche Funktionsbildung und »moderne« Lebensführung im Phänomen der Menstruation aufeinandertreffen:
Fortschritte in der Wissenschaft, vor allem der Wissenssprung hin zur Hormonalbiologie haben dazu beitragen können, daß das Phänomen »Menstruation« gesellschaftlich weit weniger mit Vorurteilen belastet wird, da es phenomenologisch faßbar wurde.
Ein weiterer Effekt, den gesteigertes Wissen über biophysiologische Vorgänge hatte, ist die zunehmende Realisierung technologischer und biochemischer Eingriffe in menschliche Körperstruktur.
Erst auf der Basis gesicherter Kenntnisse über die hormonellen Vorgänge im weiblichen Körper konnten pharmakologische Empfängnisverhütungsmittel entwickelt werden.
Starke emanzipatorische Kräfte und die zunehmende Aktivität von Frauen in medizinischen und naturwissenschaftlichen Berufen haben dazu beigetragen, das Frauenbild grundlegend zu ändern - in einer Zeit, wo pharmakologische oder andere Mittel helfen können, die Empfängnisbereitschaft zuverlässig zu regulieren.
So wurde die Reproduktionsfähigkeit zu einer Möglichkeit unter anderen und verlor ihre beherrschende Rolle für die weibliche Lebensqualität.
Da jedoch die weiblichen Körperzyklen ein Großteil des Lebens immer noch auf die biologische Gebärfähigkeit ausgerichtet sind, strukturierte sich das Spannungsverhältnis historisch neu:
Emanzipatorische Kräfte, technologische Möglichkeiten und die »naturgegebene« Körperbiologie stehen jetzt in Wechselwirkung. Dieses Spannungsverhältnis betrifft auch die Bewertung und hygienische Handhabung der Menstruationsblutungen, die in dieser Arbeit untersucht werden wird.
Daß fortgeschrittener, biologisch-medizinischer Erkenntnisstand zumindest auf wissenschaftlicher Basis einen »neutralen« Umgang mit dem Phänomen der Menstruation ermöglicht, ist eine relativ neue Errungenschaft. Lange Zeit war auch das »wissenschaftliche« Meinen über die Menstruation mit schweren Vorurteilen belastet.
Es wurde nachgewiesen, daß antike und christliche Vorurteile dem weiblichen Körper gegenüber noch in medizinisch-wissenschaftliche Diskussionen des 18. und 19. Jahrhundert hineinspielten.
Erst im 20. Jahrhundert kamen Wissenschaftler den komplexen Steuermechanismen im Körper, die dem »Menstruationsmechanismus« zugrunde liegen, allmählich auf die Spur.
Zuvor wurde lediglich versucht den weiblichen Unterleib, der an sich weitgehend unerforscht war, geistig zu kolonisieren. »Man« sprach folgerichtig vom weiblichen Körper wie von kolonialen Regionen als dem »dunklen Kontinent«.
Bevor erkannt wurde, daß »gonadotrope Hormone« von dem »Hypophysenvorderlappen« ausgesendet werden, um die einzelnen Phasen des Menstruationszyklusses zu steuern, war es schwierig, den Vorgang der Menstruation in wissenschaftlichen Begriffen überhaupt zu fassen. Das Phänomen Menstruationsblutungen war in seiner Unklarheit für ambitionierte Wissenschaftler natürlich potentiell bedrohlich. Das Wissensvakuum über eine mit Vorurteilen belastete Körperzone sollte gefüllt werden, zur Not mit Theorien, die irgendwie überzeugen konnten, aber die Realität der Menstruation stark verzerrten.
Ein ausführlicheres Zitat aus dem Brockhaus unter dem Eintrag »Menstruation Kulturgeschichtliches: « versucht den kulturhistorischen Bewußtseinsstand unserer Zeit, auf dem eine Neubewertung aufbauen müßte, wiederzuspiegeln:
Weit verbreitet ist der Glaube an die Unreinheit der Frau zur Zeit ihrer M. In zahlreichen Kulturen wurde das M.-Blut von den Männern gefürchtet, da sich eine Berührung mit ihm schädlich auf den Ausgang der Jagd oder eines Krieges auswirken sollte.
Neuere, v.a. feminist. Untersuchungen haben ergeben, daß die M. als sichtbares Zeichen für die Fähigkeit der Frau, Leben zu empfangen und zu gebären, in zahlreichen außereurop. Kulturen auch als Ausdruck der Überlegenheit der Frau über den Mann gilt. Viele M.-Bräuche (z.B. Isolierung in >M.-Hütten<), die den Kontakt mit menstruierenden Frauen verhindern sollen, werden allerdings als Ausdruck eines ausgeprägten Geschlechtsantagonismus gedeutet. - Nach der kirchl. Lehrmeinung des Mittelalters erinnert die M. an den Sündenfall Evas; dies bestärkte die bis in die Gegenwart anhaltende Vorstellung von der >Unreinheit< der Frau, deren Blut einmal im Monat gereinigt werden müsse. - M.-Beschwerden wurden zu einem gesellschaftlich akzeptierten Leiden. Die Aufklärung über die hormonellen Vorgänge hat dazu beigetragen, etliche Tabus zu brechen.
Die faktizitären Bezugnahmen in jenem lexikalischen Eintrag sind einwandfrei; die verkürzende Zusammenstellung wäre durch das Medium des Lexikons zu rechtfertigen. Doch präsentiert der zitierte Abschnitt allzu offentsichtlich eine fabrizierte Synthese aus »dunklen« mittelalterlichen Vorstellungen, feministischen Protestbewegungen mit der Aufweisung von Alternativwelten, Riten von Naturvölkern, die uns primitiv erscheinen müssen und schließlich »befreiendem« wissenschaftlichen Fortschritt.
Die Kalkulation der Zusammenstellung muß ein wenig nachdenklich stimmen. Vor allem die Zeitebenen geraten durcheinander, wie es sonst nur verwirrten Bewußtseinszuständen eignet.
Während Menstruationsbeschwerden im 19. Jahrhundert ein weitgehend akzeptiertes und respektiertes Leiden waren , sind sie es heute weit weniger. Wenn es im ausgehenden 19.Jahrhundert vor allem Kokain war, das menstruierenden Frauen zur Verfügung gestellt wurde, sind es heute pharmakologische Mittel, die Regelschmerzen und Stimmungsschwankungen »besänftigen« können. Einen Rückzug auf sich selbst hingegen erlaubt der moderne Zeitfluß - im Gegensatz zum bürgerlichen Zeitgefühl des 18. und 19. Jahrhunderts - menstruierenden Frauen nur noch in den seltensten Fällen. Menstruationsbeschwerden bieten keinen generell akzeptierten Anlaß mehr, daß sich Frauen aus den täglichen Anforderungen herauslösen könnten.
In dem lexikalischen Eintrag wird weiterhin angespielt auf die kulturhistorische Vorstellung, daß sich eine Berührung mit dem Menstruationsblut negativ auf die Mannes- und die Kampfkraft auswirke: In der Tat, es gab die Vorstellung, Menstruationsblut führe dazu, daß die Schneiden von Schlag- und Stoßwaffen bei Berührung stumpf würden. Aber das vermeintliche Abstumpfen der Waffen deutet - aus psychoanalytischer Sicht - als Lähmung (vorwiegend) männlicher Aggressivität jedoch schon auf eine Krise männlichen Selbstverständnisses (gegenüber weiblicher Reproduktionsfähigkeit).
Der Vorurteile gab es viele andere, die über das genannte Beispiel im Schrecken ihrer lebenspraktischen Bedeutung hinausreichten. Die Einträge im »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« umfassen sehr unterschiedliche Vorurteile:
Dem Menstruationsblut wird verderblicher Einfluß auf Lebensmittel unterstellt , es wird von der Annahme berichtet, bestimmte Nutzpflanzen gingen bei Berührung mit ihm ein ; an anderer Stelle heißt es, Menstruationsblut fände als Aphrodisiakum und Liebeszauber Verwendung .
Dem aufbereiteten, »raffinierten« Menstruationsblute hingegen werden anti-dämonische , pestizidähnliche , medikamentöse und schließlich magische (wie Sieg bringende ) Kräfte zugeschrieben.
Gleichzeitig ist wiederum von isolierenden Maßnahmen und Hygienevorschriften für menstruierende Frauen die Rede .
Schließlich werden Speisetabus und Speisebereitetabus für menstruierende Frauen neben dem erwähnten, vermeintlich verderblichen Einfluß auf Speisen(5) angezeigt. Der schon im Eingangszitat thematisierte böse Blick menstruierender Frauen findet weitere Male Erwähnung .
Das Menstruationsblut als aufzubereitende (alchimistisch-wisenschaftliche) Substanz wird also kategorisch unterschieden von dem schädlichen, unbehandelten Menstruationsblut, das als »schlechtes« Blut charakterisiert wird.
Jeder Einzelfall müßte genauer untersucht werden, wenn er bewertet werden sollte. Diese einfache Indizien-Sammlung hingegen läßt zunächst nur den Schluß zu, daß es sich bei dem Menstruationsblutungen um einen als höchst problematisch empfundenen Vorgang handele, und daß direkter Kontakt mit »unbehandeltem« Menstruationsblut als kontaminierend gedacht wurde. »Behandeltes« Menstruationsblut, das aus dem Vorgang der Menstruation herausgelöst oder herausgedacht wird, präsentiert sich als, wenn auch ambivalente, doch hochenergetische Substanz. Bei richtiger Aufbereitung und Dosierung könne Menstuationsbut Wunder und auch Liebeszauber bewirken. Auch hinter diesen Bräuchen stehen meist noch männliche Vorurteile.
Das Menstruationsblut ist also Trägermaterial unterschiedlichster Bedeutungen; diese waren weder ausschließlich negativ, noch ausschließlich positiv. Dem Menstruationsblut wurde selbst aus christlicher Perspektive, welche die Menstruationsblutungen mit dem Sündenfall Evas in Verbindung zu bringen wußte, magisch-zweideutige Fähigkeiten zugesprochen. Doch meist wurde das Menstruationsblut als das »böse« Blut gedeutet, das Zeichen für den Sündenfall Evas sei.
Aristotelische Humoralphysiologie, die von guten und schlechten Säfteverhältnissen spricht, ordnet die Menstruationsblutungen als klares Indiz für ein schlechtes Verhältnis den weiblichen, körperlichen Säfte ein. Die Menstruationsblutungen hätten - ähnlich dem Aderlaß - jedoch auch eine Ausgleichsfunktion für den pathologischen Körperzustand der Frau und kehrten deswegen periodisch wieder.
Plinius spricht erneut von der Giftigkeit des Menstruationsblutes: es mache Messer stumpf. Auch er meint, daß Nahrung von menstruierenden Frauen verdorben würde.
Der inquisitorische Hexenhammer (1480) schließlich weiß viele weitere, ähnlich strukturierte Vorurteile zu offenbaren, auch er spricht vom eingangs erwähnten »matten, bösen Blick« menstruierender Frauen, der Spiegel stumpf mache.
Die rätselhaften »Menstruationsdämpfe« sind ein Phantasma unserer Kulturgeschichte, stumpfe Spiegel ein erkenntnistheoretisches Problem:
der Ekel vor dem Menstruationsblut bleibt in ihnen stehen bleibt und bedeutet auch für unsere Zeit eine psychologische Last.
In dem Trivialroman Carrie von Stephen King findet sich dies versinnbildlicht. Stephen King transformiert kulturgeschichtliche Erblast in moderne Horrorvorstellungen von der Menstruation:
Carrie handelt von der traumatischen Konfrontation der jungen Carrie mit einer abergläubischen »Vergangenheit« (in Form ihrer fanatischen Mutter) und weißer, moderner »Hygiene« (im zitierten »Bombardement« ihrer Mitschülerinnen).
Die Situation vor dem Ausbruch des »Bombardements« mit den Produkten der Menstruationshygiene bedarf weiterer Ausführung:
Carrie drehte die Dusche ab. Die Wasserstrahlen erstarben tröpfelnd und gurgelnd.
Erst als Carrie auf den Gang trat, sahen alle das Blut, das an ihrem Bein herunterlief.
In Sue stieg Ekel auf, als die ersten schweren, dunklen Tropfen Menstruationsblut auf den Fliesen zerplatzten. "Mein Gott, Carrie, du hast Deine Periode!" rief sie. "Mach dich doch sauber!" ...
Das »dunkle« Menstruationsblut ist das eklig »Andere« und das »schwer« Problembeladene.
Noch mehr Blutstropfen. Und Carrie glotzte immer noch dümmlich ihre Klassenkameradinnen an.
Helen Shyres drehte sich um, gab würgende Geräusche von sich und tat so, als müßte sie sich übergeben.
Der kulturell angelernte Ekel äußert sich hier nicht nur in einer Pretention des Brechreizes. In Kings Roman finden sich - ursprünglich zu seiner Dehnung eingeflochten - (fiktive) psychoanalytische Gutachten und Zeitungsmeldungen zum Fall »Carrie«, die vor allem ihre psychotischen, telekinetischen Fähigkeiten erklären sollen. Hätte Stephen King das Verhalten der Mitschülerinnen erklären wollen, wäre er gut beraten gewesen, auf Charles Darwins Bemerkungen zu Primäremotionen aus der Sicht der Evolutionstheorie zurückzugreifen:
Extremer Ekel drückt sich in Mundbewegungen aus, die denen kurz vor dem Erbrechen ähnlich sind. ... Auch teilweise die Uagen zu schließen oder den Blick oder den ganzen Körper abzuwenden, sind ebenfalls starke Ausdrucksformen für Abscheu.
Die meisten wenden sich ab, nur Sue, die einzige die im Roman ein wenig Sympathie für Carrie empfindet, schafft es, Carrie mit einer Beschimpfung auf den »Tatbestand« aufmerksam zu machen:
"Du blutest! rief Sue plötzlich in greller Wut. "Du blutest , du großer dämlicher Pudding!"
Carrie blickte an sich hinunter.
Sechzehn? dachte Sue, sie muß doch wissen, was es ist, sie -
Noch mehr Blutstropfen. Und Carrie glotzte noch immer dümmlich ihre Klassenkameradinnen an.
In Carrie findet sich nun - für diesen Zusammenhang interessant - eine Steigerung der Reaktion auf den empfundenen Ekel, aus rudimentären Gefühlsäußerungen heraus entwickelt die Szene etwas höchst Seltsames: eine »hygienische Reaktion« auf den Ekel:
Carrie blickte an sich hinunter.
Sie schrie auf.
Das Geräusch war sehr laut im warmen, feuchten Duschraum.
Ein Tampon traf sie an der Brust und fiel vor ihr zu Boden. Auf der saugfähigen Baumwolle erblühte eine rote Blume, die rasch größer wurde. Dann schien das Lachen - voller Ekel, Verachtung und Entsetzen - anzuschwellen und sich zu etwas Widerlichem, Häßlichem zu wandeln, und die Mädchen bombardierten Carrie nun regelrecht mit Tampons und Monatsbinden - einige aus Handtaschen, andere aus dem defekten Automaten an der Wand. (Sie rieselten wie Schneeflocken auf Carrie nieder), und die Mädchen sangen nun im Takt:
"Stopf es zu, stopf es zu, stopf es-
Das Unglaubliche jener Aufforderung versperrt den Blick auf etwas anderes:
Sie schrie auf.
Das Geräusch war sehr laut im warmen, feuchten Duschraum.
Ein Tampon traf sie an der Brust und fiel vor ihr zu Boden.
Ihr Schrei aus der Brust erstickt im Text symbolisch an dem Wattetampon, der gegen ihre Brust geworfen wird. Auf symbolischer Ebene wird Carrie zweifach symbolisch zugestopft - Und was ist ein Initiationsritual anderes als eine symbolische Handlung?
Das Erschreckende ist, daß solch ein »Ritual« im »warmen, feuchten Duschraum«, dem modernen Waschraum der Hygiene stattfindet.
Die Gewalttätigkeit der in Carrie beschriebenen Szenerie erschreckt, weil sie eine »Verkleidung« unserer Perspektive auf die Initiationsriten »primitiver« Völker sein könnte. Die Szene stellt die symbolische Transformation der »Drohungen« der Hygienewelt im modernen Duschraum dar.
Die Werbewelt, die anschließend untersucht werden muß, versucht mit verschieden Strategien (z.B. mit der Betonung von Weißheit), die Probleme zumindest illusionär zu beseitigen, sie metaphorisch weißzuwaschen oder sie mit Watte abzudichten. Carries Mitschülerinnen sind letztlich nur diesem umworbenen Ideal gefolgt:
Denn, was Carrie in dem Duschraum darbietet, ist nach »hygienischen« Maßstäben unzumutbar, der Ekel eine konditionierte Reaktion.
Der erste Teil des Buches, in den die traumatische Szene eingebaut ist, heißt uneindeutig "Blutsport" - die hygienische Atmosphäre des Duschens nach dem Sport wird betont: Wasser, gekachelte Böden, leichter, frischer Schweiß, weiße Seifenstücke und die Isolation des Fremdkörpers Carrie werden eindringlich geschildert:
Der Duschraum war erfüllt von Rufen, Gelächter und dem beständigen Prasseln des Wassers auf dem gekachelten Fußboden. Die Mädchen hatten in der ersten Unterrichtsstunde Volleyball gespielt, und ihr morgendlicher Schweiß war leicht und frisch.
Mädchen reckten und dehnten sich unter den heißen Wasserstrahlen, bespritzten sich gegenseitig, warfen weiße Seifenstücke von Hand zu Hand. Carrie stand phlegmatisch inmitten der anderen, ein Frosch unter Schwänen. Sie war ein dickliches Mädchen mit Pickeln an Hals, Rücken und Gesäß; ihr nasses Haar war vollkommen farblos.
Carrie ist (ideomorphologisch) vorverurteilt, sie ist einfach nicht hübsch und nicht »aufgeweckt« genug :
Eine Dusche nach der anderen wurde abgestellt, und die Mädchen traten an die Schließfächer, zogen sich pastellfarbene Badehauben vom Kopf, trockneten sich ab, besprühten sich die Achselhöhlen mit Deodorant und blickten auf die Uhr über der Tür.
Carries Mitschülerinnen wissen zeittaktgenau, moderne Kosmetik- und Hygieneanforderungen zu erfüllen, sie sind bereits initiert, nur Carrie nicht.
Carrie befindet sich dann allein unter der Dusche, die seit »Psycho« beliebter Ort blutigen Horrors ist.
Miß Desjardin, ihre schlanke, flachbrüstige Sportlehrerin, kam herein, reckte kurz den Hals und klatschte auffordernd in die Hände. "Worauf wartest Du, Carrie? Auf den jüngsten Tag? In fünf Minuten läutet's."
Der Erzähler beschreibt die Lehrerin: Ihre Shorts waren blendend weiß, ihre Beine ...
Uns sind nicht die Beine wichtig (, die leicht gekrümmt sind,) sondern die blendend weißen Shorts der Lehrerin, auf denen Carrie in wenigen Minuten in ihrer Hilflosigkeit einen blutigen Abdruck hinterlassen wird.
Die Lehrerin kehrt zurück, nachdem Carries Blutungen - wie oben geschildert - sichtbar wurden und nachdem das oben geschilderte »hygienische Bombardement« verebbt ist und noch ein Tampon in den Schamhaaren hängt.
Auch Miß Desjardin empfindet angesichts der Situation starken Ekel, sie weiß sich jedoch zu beherrschen. Als Carrie jedoch dann in ihrer Hilflosigkeit mit ihren blutigen Händen die blendend weißen Shorts der Lehrerin befleckt, bricht auch ihr Ärger durch. "Geh da rüber!" ertönt das pädagogische Isolationskommando.
Sie schickt die anderen nach draußen und »verarztet« Carrie.
Sie nahm eine Damenbinde aus dem defekten Automaten und entfernte die Verpackung. »Guck mal«, sagte sie, »das macht man so ...«
Es ist wohlgemerkt kein Tampon, mit dem sie Carrie »zustopft«. Es ist vielmehr so, als ob die Lehrerin mit der hygienischen Binde auch einen Verband anlegt. Obwohl Carrie jetzt hygienischen Standards entspricht ist ihr damit nur wenig geholfen.
Mit der Binde wird die psychologische Isolierung nicht geheilt: Denn Carrie hat keine körperliche Wunde, ihre Psyche ist verletzt worden.
Trotz allem: der hängengebliebene Tampon will auch der Lehrerin nicht aus dem Kopf - es ist ein so starkes Bild der Hilflosigkeit, daß sie es später dem stellv. Direktor der Schule schildert, ein Bild, das hängen bleibt. Auch im Schulleitungszimmer ist der Beratungsbedarf daraufhin groß:
»Ich kann es kaum glauben, daß ein Mädchen drei Jahre lang diese oder eine andere High School besucht und von Menstruation keinen blassen Schimmer hat, Miß Desjardin.«
Miß Desjardin hat Carrie nach Hause geschickt, wo das Unglück seinen weiteren Lauf nehmen kann.
In der Schule hat dieser kleine Zwischenfall, »die Duschgeschichte« zunächst disziplinarische Konsequenzen:
Doch am nächsten Montag sind die Shorts der Lehrerin wieder strahlend weiß und alles geht seinen gewohnten Gang.
Für Carrie hingegen hat sich der Horror gleich anschließend zu Hause fortgesetzt, ihr Zuhause bietet nur »mittelalterlichen« Komfort: Ihre Mutter ist nicht zu Hause und Carrie geht in das »Badezimmer«:
... es gab keine Duschvorrichtung. Momma sagte, Duschen sei sündhaft.
Carrie ging in das Bad, ... , und begann gründlich aber vorsichtig zu suchen, legte alles genauso wieder hin, wie es vorher gelegen hatte. Mommas Augen waren scharf.
Die blaue Schachtel stand ganz hinten, hinter den alten Handtüchern, die sie nicht mehr benützten.
Carrie findet die »box« mit den Menstruationsbinden, die schamhaft versteckt im Schrank steckte. Die Binden dachte sie, nach einem über sie gemachten Scherz, wären zum Abwischen von Lippenstift. Die Packungsbeilage hatte sie nicht gelesen, denn Lippenstift benutzt sie nicht.
Carrie wußte von der Möglichkeit von Menstruationsblutungen noch rein gar nichts. Ihre alleinerziehende Mutter hängt fanatisch religiösen und abergläubischen Vorstellungen an und hat Carrie dementsprechend indoktriniert und in Unkenntnis über ihre körperlichen Funktionen gelassen. Eine aufklärerische Einführung in moderne Hygiene- und Kosmetikriten wäre dringend nötig gewesen. In Carries Fall hat die Schule nicht leisten können, was die alleinerziehende Mutter bewußt verhindert hat.
So ist der Ausgang aus ihrer Unkenntnis ("without much parental guidance") für Carrie die Initiation in ein kulturelles Trauma.
Für Carrie ist es eine unumkehrbare Degradierung gewesen, die Erklärung ihrer Mutter: Du bist jetzt eine Frau, hättest Du nicht schlecht gedacht, wäre das nie passiert. Jetzt fängst Du an zu riechen und gleich kommen die Männer und schnüffeln. Carries Mutter: Du bist jetzt eine Frau.
Carries neuentdeckte, körperliche Funktion wird also gleich doppelt »negativ« besetzt, schlimmer hätte es gar nicht kommen können. Doch die Logik der Horrorgeschichte erfordert, daß es noch schlimmer werden wird.
Stephen King hantiert geschickt mit schwergewichteten, abergläubischen Vorstellungen, wenn er zeigt wie eine verspätete und verspottete Monatsblutung zum Initialzünder für das Böse wird.
"Stopf es zu, stopf es zu, stopf es-
Carrie soll zustopfen, was da ausströmt, unkontrolliert herausleckt, den Strom unterbinden, den Blutfluß zum Versiegen bringen.
Weder gelingt es ihr, ihre Menstruationsblutungen selbständig unter Kontrolle zu bringen, noch kann sie das in ihr geweckte Böse unter Kontrolle halten, so lautet die Logik der Geschichte. Es sei eine »Naturkraft«, die in Carrie verspätet erwacht, und im folgenden in Verbindung mit bösen telekinetischen Kräften gebracht wird. Unsere kulturelle Vergangenheit müßte uns vor einer solchen Struktur warnen. Doch Horrorgeschichten nähren sich von vergangenem Grauen, das sie in die Gegenwart zurückbringen.
Die eigentliche Logik der Geschichte jedoch ist die »Logik der Hygiene«: Es sind die Vorstellungen von Unreinheit, die unsere psychische Gesundheit bedrohen.
Die »Logik« weist undichte Stellen auch in ihrer Aufgeklärtheit auf. Bisweilen tauchen sie an »trivialen«, dunklen Stellen auf, die es deshalb zu untersuchen, aber bloß nicht »zuzustopfen« gilt.
Denn die Logik einer Hygienekultur kann nur auf der Folie eines geschärften, kulturgeschichtlichen Bewußtseins in ihren Strukturen sichtbar werden.
Inwieweit kulturgeschichtlicher »Horror« in der medialisierten Werbewelt der Menstruationshygiene reflektiert wird, wird im folgenden untersucht werden müssen.
Das "Stopf es zu! " spiegelt durchaus einen Wortsinn für den "Tampon" wieder, der im Französischen u.a. in der Bedeutung von "Pfropfen" verwendet wird. Die »Bilder« des Propfens und des Zustopfens hingegen widersprechen der körperhygienischen Funktion des Menstruationstampons gänzlich:
Er nimmt die Flüssigkeit auf und dehnt sich dabei so weit aus, wie die Scheide es zuläßt. Wie ein kleiner Schwamm nimmt er das Blut auf und erst wenn er vollgesogen ist. läßt er durch. Ein Blutstau ist somit ganz ausgeschlossen.
Das Menstruationsblut soll vom modernen Hygienematerial möglichst effizient aufgesaugt werden, bevor es die Außenwelt oder die Kleiderhülle erreicht - aber nicht gestaut werden!
In ihrer Funktionsweise unterscheiden sich Menstruationsbinde und Tampon grundlegend aufgrund ihrer Position am oder im weiblichen Körper. Sie haben deswegen auch ganz unterschiedliche, psychologische Konnotationen:
"Meine Mutter will, daß ich nachts eine Binde benutze, damit das Blut rauslaufen kann. Muß das sein?"
Manche meinen, es sei natürlicher das Blut »schön rauslaufen« zu lassen. Dahinter steckt oft die Befürchtung, der Tampon könne das »schmutzige« Blut stauen. Das stimmt aber nicht. Das Menstruationsblut ist genauso sauber und gesund wie anderes Blut auch, und der Tampon wirkt nicht wie ein Stöpsel, sondern wie ein kleiner Schwamm. Nachts sind Tampons besonders praktisch. Denn wenn Du schläfst, kannst Du den richtigen Sitz einer Binde nicht kontrollieren und es kann viel leichter eine Panne passieren als beim Tampon, der die Flüssigkeit schon in der Scheide aufnimmt. Wechsle den Tampon vor dem Schlafengehen und nach dem Aufstehen.
Hier wird die Binde gegen den Tampon ausgespielt, indem die Binde der vorurteilsbeladenen Generation der Mütter zugeordnet wird. Der Tampon hingegen stellt sich als das Hygieneprodukt einer neuen Generation dar.
Industriell gefertigte Menstruationsbinden sind in der Tat historisch älter als Tampons, sie gehören der Generation der »Mütter« und Groß»mütter« an.
Sie bilden im Gegensatz zu Tampons eine »natürliche« Fortentwicklung des in die Kleidung eingelegten Stoffes, mit dem sich bekleidete Frauen halfen, ihr Menstruationsblut aufzufangen, bevor ihnen industriell gefertigte Binden zur Verfügung standen.
In «Meyers Konversationslexikon» von 1909 findet sich ein Eintrag zur »Menstruationsbinde«, der auf ihre Historizität aufmerksam macht:
Menstruationsbinde (Monatsbinde), eine an einem Leibgürtel befestigte, mit aufsaugenden Stoffen (Moos, Holzwolle etc.) gefüllte Binde, die während der Menstruation vor den äußeren Geschlechtsteilen getragen wird und zum Auffangen des Menstrualblutes dient. Das Tragen solcher Binden während der Menstruation ist allen Frauen nicht nur aus Reinlichkeits-, sondern auch aus Gesundheitsrücksichten dringend anzuraten, da sie das Eindringen von Krankheitserregern in die Geschlechtsteile verhindern. Die Binden werden aus den verschiedensten Stoffen angefertigt. Am empfehlenswertesten sind solche, die nach dem Gebrauch weggeworfen werden können.
Der Hinweis auf den Vorteil einmaliger Benutzung bedeutet schon die Idee einer industriellen Fertigung. Recht deutlich wird der mangelhafte Tragekomfort (Moos- und Holzwollenfüllung ) selbstgefertigter Binden, der erst durch gezielte Produktstudien für die Massenproduktion graduell verbessert werden konnte.
Der psychologisch geschickt formulierte Rat, aus Gesundheitsrücksichten eine Binde zu benutzen, spricht von einem gewissen Überzeugungsbedarf. So kann die Benutzung einer Menstruationsbinde am Anfang des 20. Jahrhunderts noch keine Selbstverständlichkeit gewesen sein.
Der Verzicht auf Wiederverwendbarkeit , verbesserter Schnitt und erhöhte Saugfähigkeit sind die wesentlichen Kriterien für die Weiterentwicklung der Bindeneinlage.
Mit der Einführung des Tampons in die Menstruationshygiene (anscheinend zum ersten Mal in den dreißiger Jahren) wurde jedoch ein qualitativ völlig neuer Hygieneartikel geschaffen. Denn das Hygieneprodukt »Tampon« dringt effektiv erstmals bis in das Innere des weiblichen Körpers vor.
Zuvor wurden Tampons - vorrangig in der Militärmedizin - als saugfähige Stoffballen zur Blutstillung und Drainage von großen Körperwunden (besonders bei Stich- und Schußverletzungen) angewendet. Auch wurden sie als Träger von Arzneimitteln in Körperhöhlen oder Wunden eingeführt (Tamponade). Aus den positiven Erfahrungen der Wund- und Krankenversorgung heraus entsprang die Idee, Tamponaden auch für die Menstruationshygiene zu verwenden.
In diesem instrumentellen Übertrag von (Militär-)Medizin und Chrirurgie auf Menstrualhygiene stehen die Menstruationsblutungen unter der Gefahr auch als Wundblutungen angesehen zu werden.
Für eine moderne »vorurteilsfreie« Handhabung mußte deswegen erst ein spezielles Image und eine eigene Form und Verpackung für den Menstruationstampon entwickelt werden. Es kommt also ganz essentiell auf die Vermarktung und Verpackung von Menstruationshygiene an. Von jeder negativen Besetzung versucht moderne Hygienewerbung sich zu distanzieren.
Der erste Versuch einer Einführung eines dedizierten Menstruations-Tampons in Japan war gescheitert:
Bereits in den dreißiger Jahren waren in Japan Tampons angeboten worden - ohne Erfolg, denn die meisten Frauen waren über die Zumutung, daß sie etwas in die Vagina stecken sollten, schockiert. Erst seit dem Ende der sechziger Jahre sind die Artikel wieder auf dem Markt.
Er scheiterte am Widerstand der Frauen, die es als Zumutung empfanden, daß etwas in ihren Körper eingeführt werden sollte. Die Genehmigung zur hygienischen Penetration mußte in Werbefeldzügen erst erkämpft werden, damit eine Tampon-Kultur entstehen konnte.
Einführhülsen und Tampon-Bänder sind logische Fortentwicklungen des Tamponprodukts, sie distanzieren weiter vom Geschehen im Inneren des Körpers und machen die Anwendung des Tampons noch »hygienischer«. Und sie erleichtern das potentiell unangenehme Einführen und Wiederrausholen des Tampons, ein weiterer Sicherheitsabstand zum Menstruationsblut wird geschaffen.
Die Sehnsucht, das problembeladene Menstruationsblut von der Oberfläche verschwinden zu lassen, wird erfolgreich vermarktet und bestärkt. Es findet jedoch keine Konfrontation mit dem kulturgeschichtlichen Horror statt. Stattdessen werden virtuelle, hygienisch einwandfreie Räume geschaffen, die dem Wunsch nach Überwindung der Wirklichkeit entsprechen. Ohne Verschwörungstheorien beschwören zu wollen, muß gesagt werden, daß sich die Hygienekultur marktwirtschaftlich von dem unter ihr verborgenen »Horror« als Kaufskraftmotivation nährt.
Der Mythos der unbeschwerten Teilnahme am Alltag - während der Tage - wird von der Binden- und Tampomwebung gepflegt. Einem solchen Mythos der Unbeschwertheit können erfolgreich verschiedene Qualitäten eines Zeitgefühls implementiert werden:
Ein Werbebeispiel kommt aus dem deutschen Dritten Reich. Das Ausfallen der Arbeitskraft von Frau während der Tage war hier höchst unerwünscht (Rüstungsproduktion, Krankenschwesternschaft). Dies wurde in der Bindenwerbung kommuniziert und ist ihre eigentliche »Botschaft«.
Stets einsatzbereit
meistert die Deutsche Frau
auch schwerste Pflichten. Man wird ihr nicht anmerken, wenn sie einmal nicht voll auf der Höhe ist, denn die neuzeitliche Camelia - Hygiene erhält ihr immer Sicherheit und Frische und bietet guten Schutz.
Die Camelia - Produktion sichert auch Ihren Bedarf.
Selbstlos
meistert die moderne Frau
... [ weiter wie oben]
Im dritten Reich dienten die neuen Hygieneartikel auch einer Freistellung, aber nur einer Freistellung vom umständlichen Zeitaufwand handgemachter Binden, damit die Pflichten an der Gemeinschaft besser erfüllt werden konnten, damit der »gesunde Volkskörper« sich weiter ausdehnen konnte.
So bauten die Camelia Kampagnen im Deutschen Reich auf einer nationalsozialistischen Funktionszuweisung an die Frau auf :
In beiden Fällen greift die Werbung zurück auf das Bild der Krankenschwester, denn sie ist ein Idealbild für die Aufopferung an den Volkskörper, in Friedens- wie in Kriegszeiten (Abb.). Als Einmalbinde ersetzte das neue Produkt der aus Watte gefertigten Menstruationsbinde zunehmend Binden aus waschbaren Stoff.
Erstaunlicherweise ließ sich die Produktion von Monatsbinden in Weiterentwicklung der ideologischen Linie auch als kriegsrelevant einstufen. Die Interessen des »Volkskörpers« überwogen den Rohstoffmangel. Die Produzenten wußten die Produktwerbung entsprechend zu gestalten. Es handelt sich um die Verpackung von saugfähigen Idealen in den Geist der Watte. Denn die Werte, die von plakativer Werbung kommuniziert werden, sind abhängig vom Gesellschaftssystem und vom »Zeitgeist«.
Die Marke Camelia wußte von der Ideologie des Dritten Reiches zu profitieren, hatte aber auch keine Probleme, die Nachkriegsgeneration zu adressieren. Der Nachkriegsslogan
Camelia gibt allen Frauen
Sicherheit und Selbstvertrauen
traf psychologische Bedürfnisse so einprägsam, daß er Frauen der (Nach)Kriegsgeneration noch memorabel ist. Über gedichtete Verse wurde die Camelia-Frauenbinde zum immer neuen Kulturgut - für damals für sich reimende Verse noch rezeptive Köpfe.
Die Einführung neuartiger Hygieneartikel für den Intimbereich erfolgte nicht überall in unterstützenden Ideologieräumen wie dem des Dritten Reiches.
Eine sozial-ideologische Unterstützung ist das, was dem ersten Versuch einer Tamponeinführung in Japan gefehlt zu haben scheint. Die Begrifflichkeit eines »volkseigenen Körpers« hätte vielleicht weitergeholfen.
Wenn im nachfolgend untersuchten Werbematerial nun von "Menstruationsflüssigkeit" statt vom "Menstruationsblut" die Rede ist, wenn blaue Flüssigkeit statt rotem Blute in Werbefilmen gezeigt wird, ist dies eine Verfremdung einer »wissenschaftlichen« Perspektive. Eine derart strukturierte Visualität hat Wissenschaftlichkeit erfolgreich als populäres Image gespeichert. Eine für Hygiene werbende Visualität benutzt in ihren Illustrationen die Aura einer Wissenschaftlichkeit, die sie in munteren Farbwechseln zu einer illustren »Modernität« verkehrt.
Blaue Menstruationsflüssigkeit weist dabei gleichzeitig hin auf die Angst, daß der »Horror« vor dem roten Menstruationsblut evoziert werden könnte. So findet in blauer Flüssigkeit Menstruationsblut seine eigene, ideologische Sublimation.
Wir haben gesehen, daß in einer kulturellen Schwarz-Weiß-Malerei das Menstruationsblut lange Zeit als das schlechte, das geopferte Blut hingegen als das gute dargestellt worden ist. Die allmähliche, kulturelle Neueinfärbung des Blutes im 20.Jahrhundert findet in der Werbevisualität ihre abschließende Sublimation. Wenn Blut sonst in seiner Röte das Zeichen von Echtheit und dramatischer Authentizität im Film ist, ist seine Blauheit im kosmetisch gefärbten Werbefilm Zeichen für dessen ausgeprägte Virtualität. Dabei bietet uns blaues Blut ganz eindeutig schönere, edlere Assoziationen. Wenn gezeigt wird, wie blaues Blut in weißem Wattestoff aufgefangen wird, bewegen wir uns in chemisch gereinigten Räumen des Wohlempfindens. Diese Über-Räume sind präventiv desinfiziert worden - gegen Horrorvorstellungen, damit wir uns in ihnen wohl fühlen dürfen. Auch hier ist Menstruationsblut tabuisiert worden, was mir nur aus einer kulturgeschichtlichen Perspektive heraus überhaupt verständlich wurde: Wäre Menstruationsblut nicht kulturgeschichtlich und damit auch psychologisch belastet, wäre seine Tabuisierung und farbliche Neubesetzung in der Binden- und Tamponwerbung vollkommen absurd.
o.b.
Der Firma Johnson&Johnson ist es mit ihrer o.b. Produktreihe gelungen zum Inbegriff des Qualitätstampons zu werden. Der o.b. Tampon verspricht Sorgenfreiheit und bietet ihn auch, soweit ein Tampon das kann. Seine Qualität ist anerkannt. Sein Logo eindringlich. Seine Werbung verspricht:
Das kleine Stück Freiheit mehr.
Und die Produktqualität stärkt das Vertrauen der Kundinnen.
Der erwartete Vertrauensvorschuß seitens der Kundinnen ist versinnbildlicht in einem Schaukeln in der Horizontalen (Abb. ). Doch das Textuelle überwiegt das Bildliche, hier soll Vertrauen gewonnen werden in der seriösen Kombination von Bild und Text. Die Firma Johnson&Johnson, die hinter dem freien Schwung der Schaukel steht, möchte das in sie gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen. Für eventuell belastete Wörter und Sachverhalte müssen deshalb verläßliche Platzhalter gefunden werden, die das gleiche besser meinen.
Die psychologisch geschickte Marktführung hängt von dem uneingeschränkten Vertrauen der Benutzerinnen ab, hart erkämpfte Marktanteile dürfen nicht wieder verloren gehen.
Man sieht nichts, man riecht nichts,
wird der leere Raum der Tamponwirksamkeit eröffnet.
Mit o.b. läuft die Regel völlig diskret ab. Denn ein o.b. Tampon nimmt die Regel da auf, wo sie passiert: im Innern des Körpers.
Das Wort "Blut" wird im Verbalen wie im Visuellen vermieden. Metonymisch ist es die Regel selbst, die schon im Inneren des Körpers aufgefangen wird. Ganz deutlich wird dem Wunsch entsprochen, den störenden Körpermechanismus ganz aufheben zu können - zumindest im virtuellen Schein. Der schöne Schein und der Wunsch nach Hygiene fordern, daß keine Blutspur an die Oberfläche gelangen kann.
Dafür ist der Tampon das geeignete Hygieneinstrument. Er muß jedoch penetrativ in den Körper eindringen, um abzudichten.
Der o.b. Tampon läßt sich durch seine glatte, weiche Oberfläche und seine schmale Rundkuppe besonders leicht einführen.
Der penetrative Charakter des Tampons materialisiert sich in seiner formalen Gestaltung.
Störende Gefühle angesichts tagelanger Hygiene-Penetration werden durch Besprechen mesmerisch außer Kraft gesetzt:
Außerdem spüren Sie einen o.b. Tampon nicht. Denn er sitzt im mittleren Bereich der Scheide, wo es kaum Empfindungsnerven gibt.
Das Problemaufsaugen wird in den (relativ) gefühlsarmen »Cyber-space« des mittleren Scheidenbereiches verlegt.
Deswegen ist die Gestaltung der Gebrauchsanweisungen entscheidend. Sie sind entscheidene, psychologische Dokumente einer Zeit. Der o.b. Packung liegt eine ausführliche Gebrauchsanweisung bei, auch auf das Material des Tampons wird dort eingegangen: Es scheint außergewöhnliche Eigenschaften zu haben, weit von normaler Watte entfernt, der Mehrwert des o.b. Tampons muß teuer erwirtschaftet sein . In der o.b. Produktbeschreibung ist das eigentliche Geheimnis in modernen, mystischen Worte codiert worden:
Durch ein spezielles, patentiertes Verfahren leitet der o.b. Tampon die Menstruationsflüssigkeit schnell in den Kern und dehnt sich dabei gleichmäßig in alle Richtungen aus. So paßt er sich dem Körper perfekt an und schützt zuverlässig.
Der Kern der Sache bleibt uns also verborgen und dies liegt nicht nur an dem Patent. Nein, es ist eine Glaubensfrage, die hier beschworen wird: das effektive Verschwinden des Blutes muß gegenüber den Materialeigenschaften des Hygieneinstrumentes im Vordergrund stehen. Die Offenbarung, daß es ein patentiertes Verfahren gibt, ist auch schon Offenbarung genug, sie findet sich auch nicht plakativ in der Zeitschriftenwerbung, sondern diskreter auf den Packungsrückseiten.
Die Überlegenheit des Tamponmaterials gegenüber einfacher Watte wird herausgestellt.
Sie sehen, ein o.b. Tampon ist mehr als ein kleines Stück Watte, das sie auf natürliche Weise schützt!
Die Frau wird vor dem eigenen Körpermechanismus geschützt. Der Kreis schließt sich. Und der gewonnene Mehrwert wird abschließend expliziert:
Ein o.b. Tampon ist ein kleines Stück Freiheit mehr.
Blut gibt es natürlich in den o.b. Illustrationen nicht mehr. Die Illustrationen sind hellblau. Im Längsschnitt durch den weiblichen Unterleib leuchtet der Tampon hellweiß, die Umgebung des Tampon ist durchschraffiert und wird dadurch sekundär. Der vermeintlich leere Raum, in dem der Tampon steckt, wird zum körperlosen Raum. Es ist ein cooler Umgang mit einem heißen Thema, die Farbsymbolik eingeschlossen.
Probleme der praktischen Anwendung lauern natürlich im Hintergrund. Daher geht der Service rund um den o.b. Tampon weiter: Es gibt eine o.b. Beratung, die Fragen bereitwillig beantwortet. Denn das Problematische des Themas ist wohlbekannt und nicht alle Probleme können hier besprochen werden. Eine Initiation in die Produkthandhabung bleibt dringend notwendig.
In der »Menstruationsflüssigkeit« wird das bisweilen verklumpte körperliche Blut (ins Virtuelle) sublimiert und nimmt im Raum jenseits irdischer Wirklichkeit chemisch-hygienische Eigenschaften an.
Die o.b. Beratung gibt in ihrem Ratgeber, eine implizite Rechtfertigung für die ausschließliche Verwendung des Wortes "Menstruationsflüssigkeit" und auch für eine Farbveränderung:
Die Menstruationsflüssigkeit besteht nicht nur aus Blut. Etwa die Hälfte setzt sich aus Scheidenflüssigkeit und aufgelösten Gewebestückchen zusammen.
Diese Beimengung beeinflußt die Farbe der Menstruationsflüssigkeit .An den ersten Tagen sieht sie eher rot aus, weil mehr Blut dabei ist, an den letzten Tagen eher bräunlich.
In der Werbung sieht die Flüssigkeit dann blau aus. Die Paßgenauigkeit des Tampons innerhalb der Vagina wird nun durch seine quasi elastischen Eigenschaften erreicht und durch das Angebot verschiedener Größen gewährleistet.
o.b. Tampons gibt es in vier Saugstärken.
Der Tampon dehnt sich bei Blutaufnahme bis an die Scheidenwand aus und stellt so lange eine perfekte Abdichtung und Isolierung vom ausfließendem Blute dar, bis seine Aufnahmefähigkeit erschöpft ist.
Die hohe Aufnahmefähigkeit des Tampons ist nun sein eigentliches technologisches Geheimnis, davon wußte auch Stephen King zu erzählen:
Ein Tampon traf sie an der Brust und fiel vor ihr zu Boden. Auf der saugfähigen Baumwolle erblühte eine rote Blume, die rasch größer wurde.
Neben der Paßgenauigkeit ist die Saugfähigkeit also die wichtigste Eigenschaft eines Qualitätstampons.
Wir befinden uns praktisch in virtuell erzeugten Dimensionen, die einem »Cyber-space« ähneln, der sich dadurch auszeichnet, daß die überragenden technologischen Grundlagen hinter einem schönen Schein verborgen bleiben. Aber auch das wissenschaftliche Phänomen der Menstruation bleibt Normalsterblichen verborgen. Der kulturelle Wissenstand, der jetzt auch immer ein naturwissenschaftlicher ist, muß trivialisiert werden, damit er für die Werbung handhabbar wird.
Es ist der diskrete Charm einer bürgerlichen Tamponwerbung, der uns in der o.b. Werbung verzaubert : Unangenehme Fragen oder Tatsachen werden zwar nicht ausgeschlossen, sie werden aber an die richtige Adresse, welche die der o.b. Beratung von Johnson&Johnson ist, verwiesen. Detailwissen ist nicht erwünscht, eine gewisse psychologische Beunruhigung schon. o.b. - Damit die Regel sauber und diskret abläuft.
Freiheit ganz groß verspricht auch die Kimberley-Clark Korporation mit ihrer FREEDOM®BREVIA®Plus Slip-Einlage. Die US-amerikanisch verstandene Freiheit ist auffallender Weise eine eingetragene Schutzmarke. Die Flügel der BREVIA befreien die Trägerin, denn
Verrutschen können Sie vergessen. Denn die neue FREEDOM BREVIA PLUS ist die erste Slip-Einlage mit Flügeln. Sie schützt mit Sicherheit und hält genau dort, wo sie hingehört. Da können Sie einfach machen,was Sie wollen.
Auch hier gibt es neben der BREVIA PLUS zusätzlich zwei weitere Varianten: BREVIA Standard und BREVIA LONG. Und von Blut wiederum keine Spur. Wir bewegen uns nach wie vor in reinen und leeren Räumen.
Wenn in einem englischen Werbefilm für die »ultra-thin« Binde auf »obscene« Weise der mit weißen Shorts bekleidete Hintern einer sportlich-dynamischen Frau ständig im Mittelpunkt der Aufnahme steht, wie sie sich lächelnd verabschiedet, wie sie sportlich locker auf einen offenen Jeep steigt, wie sie bei der Abfahrt lächelnd nach vorn gebeugt hinten auf dem Jeep steht, ist die kulturelle Reinigung zwar auf der ultradünnen Oberfläche perfekt, doch im Hinterkopf schlummert die Erwartung des Blutes, wieder mit den strahlend-weißen Shorts als Projektionsfläche. Das Versprechen der ultra dünnen Binde ist unglaublich, ein Erröten der dynamischen jungen Frau nur noch in der Imagination der/des kulturell belasteten ZuschauerIn möglich.
Die extra dünne Folie der Hygiene hat schon unser Bewußtsein bedeckt.
Beschwingte Freiheit und gehemmter Gang sind unvereinbar für das Lebensgefühl einer epochalen Zeit. Deswegen konzentrieren sich die Forschungen und Entwicklungen der Hygieneindustrie vorrangig auf die Saugfähigkeit des »Hygienematerials« und seine paßgenaue Verarbeitung.
Die Paßgenauigkeit des Tampons wird mit großer Saugfähigkeit und ausreichender Größenvarianz im Angebot erreicht. Bei der Binde sind es ebenfalls unterschiedliche Größen und industrielle Schneiderkünste, die den guten Sitz ermöglichen sollen.
Bei der Weiterentwicklung der Hygieneprodukte werden zunehmend die Schwierigkeiten, die Frauen beim Tragen von Tampons und Binden haben, berücksichtigt. Marktforschungen werden getätigt, um Marktanteile zu sichern oder weiter auszubauen.
Anhand der Anstrengungen des Procter & Gamble Konzerns läßt sich der Einfluß der genannten Faktoren: Größe, Tragekomfort und Sicherheit auf die endgültige Produktgestalung nachvollziehen.
Eine von Procter & Gamble in Auftrag gegebene Studie brachte folgende Ergebnisse für die Qualitätseinschätzung von Binden hervor - aufgetretene Schwierigkeiten:
65% der Verwenderinnen hatten Schwierigkeiten mit dem Auslaufen
42% mit seitlichem Auslaufen
25% mit verschmutzter Bettwäsche
Die Produktzufriedenheit oder besser -unzufriedenheit machte die Chancen für ein neues Produkt noch deutlicher: Nur 32% waren zufrieden mit dem Schutz vor Verschmutzung, nur 33% waren zufrieden mit der Trockenheit und nur 24% mit dem Komfort. Die bisher am Markt befindlichen Binden konnten im Verbraucher[!]bewußtsein nur jeweils eine Anforderung erfüllen, dicke Binden standen für Schutz, dünne für Komfort.
Die Zahlen wurden bei der Planung der neuen »always« Binde in der Produktentwicklungsphase berücksichtigt.
Procter&Gamble mußte trotz eines neu entwickelten Fasermaterials mit ausgezeichneten Saugeigenschaften an einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen dünner und dicker Binde festhalten. Marktforschungsuntersuchungen hatten ergeben, daß Verwenderinnen zwar durchgängig bessere Produkteigenschaften wünschten, in ihrer Grundentscheidung aber entweder an einer dicken oder einer dünnen Bindenform festhielten.
Dabei hatte Procter&Gamble echte Innovationen anzubieten. Erfahrungen aus dem Bereich Babywindeln und Erwachsenenwindeln wurden genutzt. Denn gerade diese Windeln für Kranke und Pflegebedürftige haben weitaus komplexere Probleme zu lösen, sowohl in der Funktion als auch bei der Akzeptanz.
Materialtechnisch wäre eine Standardgröße für die Menstruationsbinde möglich geworden, doch das psychologische Bedürfnis der Verbraucherinnen nach verschiedenen Größen wurde berücksichtigt und das Produktangebot wie gewohnt aufgefächert.
Besonders saugfähiges Material, Polyacrylatpolymer, bildet den Kern bei Always Ultra. Die Dry-Weave Oberfläche leitet mit ihren trichterförmigen Poren Flüssigkeit rasch ins Innere der Binde und läßt es wegen der Trichterform kaum wieder hinaus. Die Flügelform biete zusätlichen Wäscheschutz.
Doch mit Publikation diese Hintergrundes ließe sich heute nur schwerlich Werbung machen. Stattdessen muß psychologisch überzeugend ein Vertrauensverhältnis zwischen Konsumentin und Produktreihe geschaffen werden, bei dem von Erfahrungen aus Inkontinenzproblemen nicht die Rede sein darf, aber von Offenheit der Kommunikationssituation ganz besonders. Die überragenden Produkteigenschaften werden in den Hintergrund gestellt und sollen in ihrer Zuverlässigkeit das Vertrauen zum Produkt stärken. Als Firma ließ man sich geschickt als echter Aufklärer verkaufen:
Kristin Schauer von der Werbeagentur DMB&B /Frankfurt, die zuständig für die »always« Fernsehkampagne war:
Wir haben, als wir unseren Fernsehspot starteten, ganz offensichtlich ein Tabu gebrochen, weil wir ganz offen über ein Problem und seine Lösung gesprochen haben. Wir haben erst gar nicht erst versucht, ein Produkt mit wirklich neuen Eigenschaften so zu bewerben, wie man es bisher getan hat, mit verschlüsselten Andeutungen und bedeutungsgeladenen Symbolen. Wir sind darüber hinaus gegangen und damit in die Rolle eines Aufklärers geraten, was dringend nötig war.
Also, hinter dem bereinigten Bild der Werbung gibt es im »market research« eine bewußte Konfrontation mit den negativen Erfahrungen der Anwendung.
Heute wird der schon immer vorhandene Beratungsbedarf hinsichtlich der Menstruationshygiene zunehmend eingelöst, um Frauen in Werbekampagnen an die Produkte einer Firma zu binden - in einer Tamponberatung oder aufklärerischen Fernsehkampagnen für Monatsbinden.
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always FREEDOM alldays carefree
eingetragene Warenzeichen-«Monatsbinden»
Bibliographie:
Gross, Elizabeth The Body of Signification in The work of Julia Kristeva.
King, Stephen (1994). Carrie. Bergisch Gladbach: Bastei Verlag.
Kristeva, Julia (1982) Powers of Horror - An Essay on Abjection, New York: Columbia University Press.
Navarro, Mireya (1982). Menstruation - Hintergründe eines Tabus. djp-jugendpressematerialien, Nr. 4 1982, S. 23-24.
Friedrich, Dorothea (1994). Reiz und Raffinesse: Rot, eine verlockende Farbe. Frankfurter Allgemeine Magazin, Heft 763.
Schwarz, Friedhelm (1994). Überlegene Produkte als P&G-Philosophie. Horizont, 45/94, S.20.
Lanson, Lucienne (1990). Ich bin eine Frau. München, Piper.