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Die Schwester im Krieg
 
Die Schwester
 
Als das Berufsbild der Krankenschwester in der Mitte des 19. Jahrhundert entstand, war die Pflege verletzter Krieger unter weiblichen Händen bereits zum generischen Motiv unserer Kulturgeschichte verdichtet. In Reflexion auf die Nibelungensage bereitete Richard Wagner den Stoff der Krankenpflege auf. 
Das Motiv der Krankenpflege befindet sich in mythologischer Transformation an hervorgehobener Stelle in der »Walküre« von Wagners »Nibelungen« (1855-56 geschrieben): Nach eintägigem Vorspiel befinden wir uns nun zu Beginn des Ersten Tages in der Idealsituation der Pflege. Am kulminaten Ende der »Götterdämmerung« hingegen kann die Krankenpflege keine Funktion mehr haben.  
Ein sehr erschöpfter, aber nur leicht verletzter Kämpfer, der etwas  Neuorientierung und Auffrischung braucht, um am nächsten Tag weiter kämpfen zu können, erweist sich als das ideale Objekt weiblicher, krankenpflegerischer Aufmerksamkeit unter den Augen der Öffentlichkeit.
Wenige Momente vor den ersten Augenblicken zwischen Sieglinde und  Siegmund hatte die Schwester sich, als sie den regungslosen »Fremden« an ihrem Herde liegen sah, noch zweifelnd, aber schon besorgt gefragt: 
 
...schwanden die Sinne ihm?
Wäre er siech?  
 
Es ist der Augenblick, der sie ihren verletzten Bruder erblicken, ihn aber nicht als solchen erkennen und so Sieglinde zur ersten berufenen Krankenschwester aus unbewußter Berufung werden läßt.
 
 Bühnenanweisung: Sie neigt sich zu ihm herab und lauscht. 
 
Ohne Hilfsgerät, hindoch mit weitgeöffneten Augen und aufgeperrten Ohren ist Sieglinde auf diagnostischer Spurensuche. Echte Lebensregungen, hofft sie, in dieser Stellung zu sondieren.
 
 Noch schwillt ihm der Atem,
das Auge nur schloß er.  
 
»Schwellende Bewegungen bei erheblicher Wahrnehmungsschwäche« könnte ihre so einfache wie überzeugende Diagnose auch lauten.  Eine auf und ab schwellende Säule ist ihr als coenästhethisches Bild ausreichendes Indiz für hoffnungsvolle Lebenskraft. Die Standhaftigkeit kann also noch nicht aus dem Körper entschwunden sein, folglich wird auf eine Mund-zu-Mund-Beatmung verzichtet.  Stattdessen greift Sieglinde zunächst zur intuitiven »Seelenspiegelung«:
 
Mutig dünkt mich der Mann,
sank er müd auch hin.  
 
Ihr psycho-reflektiver Satz läßt männliche Kraft und eine mutige Psyche im Innern des Körpers autauchen. Erst nach dieser psychologischen Profilbildung kann nach der richtigen Theraphie für den verletzten Krieger gesucht werden: 
Zunächst wird ein Quell geholt, der Erquickung schafft, aber das Wahrnehmungsvermögen zunächst nur partiell wieder herstellt. 
Denn Hilfe zur beschönigenden Selbstdiagnose - unter oraler Verabreichung von Drogen - ist die erstbeste (Psycho-)Theraphie für schwierige Fälle: Siegmund kann nun feststellen, daß er zwar verletzt ist, der Grund für seine Schwächung aber in den ausgiebigen Kämpfen des Tages zu suchen sei.
Sieglinde weiß nun, wie sie ihren Patienten in einem ersten Schritt (semi-erektiv) dazu bringen kann, sich aus dem Liegen zunächst in eine sitzende Haltung aufzurichten : 
In ihrem schauspielerischen Talent muß sie spielen, sie wolle seine Wunden versorgen, Bühnenanweisung: (mit besorgter Hast)  : Die Wunden weise mir schnell! 
Siegmunds programmierte Repulsionen gegen Wundversorgungen lassen seinen (Blut-)Druck weiter anschwellen, er:
(schüttelt sich und springt lebhaft vom Lager zum Sitz auf):
 
Gering sind sie, 
der Rede nicht wert; 
 
Die physio-psychische Reaktion stellt auch seine verbalen Fähigkeiten endgültig wieder her, endlich findet er wieder Dinge der Rede wert: Er weiß sich in schönsten Worten zu beschweren, daß die Waffen brachen und sich - materialimmanent - als zu schwach erwiesen für sein Kampfesarm. 
Die geschickt induzierte Selbstglorifikation erlaubt ihm nicht nur einen verbesserten Redemodus, sondern auch eine Konzentration auf das eigentliche Thema der Geschichte: den Kampf um Leben oder Tod. 
 
noch fügen des Leibes 
Glieder sich fest.
 
Wir haben hier in Siegmund den »Terminator I« vor uns. Die erste Generation seiner neuen Gattung ist - wie so oft - mit tückischen, »psychotischen« Fehlern belastet und bedarf einer besonderen Behandlung: Zwar ist sein Über-Körper schon so stark ausgebildet, daß geringfügige Wunden nicht mehr behandelt werden müssen, auch die Kraft und Elastizität seines Kampfarmes sind überragend. Doch das Zusammenspiel mit der Materialität der Waffen hat sich als unzureichend erwiesen (s.o.). 
Und was noch viel schlimmer ist: In die psychischen Kontrollmechanismen hat sich ein Fehler eingeschlichen: 
Jemandem, den sein Unbewußtes treibt, sich am Herd einer Fremden, die in Wirklichkeit seine Schwester ist, hinzulegen, ist als Kampfmaschine nicht mehr zu gebrauchen. 
Siegmund braucht daher eine psychologische Korrektur: einerseits muß er auf Fortpflanzung eingestellt werden, damit es einen verbesserten »Terminator II« wird geben können, der das geschichtliche Werk übernehmen kann. Andererseits muß für den Augenblick und den folgenden, dem sich nahenden Tag Siegmunds Kampfbereitschaft wieder feinjustiert werden, psychotische Zwischenzustände und Wankelmut müssen ausgeschaltet werden:
Daher wird Siegmund wieder auf »Entweder - Oder«, Leben oder Tod geschaltet.
Die Situation ist ein wenig prekär: die Schwester des Kranken ist seiner Psyche so unheimlich nah, daß sie weiß, wie ihm zu Mute ist, aber auch daß es wichtigere Dinge als individuelle, püsychologische Störungen gibt.
Sieglinde weiß, sie muß Siegmund wieder in das Kriegsgeschehen schicken, weil die Geschichte es so will, und Sieglinde will, was die Geschichte weiß.
 
Siegmunds Oralität ist schon verdeutlicht worden und auch in seinem Namen versinnbildlicht. Das Psychopharmakon, das Sieglinde ihm zusammenmischt, wird ihm deswegen oral verabreicht werden müssen. An die Stelle des Herdes, wo der Krieger in erschöpfter Signifikation eh schon lag, tritt die Schwester des Verwirrten dann letztlich, um ihm den stärkenden Trank zu bereiten.
Nach geheimen Wagnerschen Rezepten wird ein zuckriger, aber energetischer Trank kreiert am Herd von weiblicher Hand:  + 
 
Des seimigen Metes süßen Trank
mögst Du mir nicht verschmähn.
 
Dieser löst ihm nun auch die verbliebene physio-psychologische Verspannung und macht ihn wieder einsatzbereit.   
In der Tat ein stärkender Trunk nach dem aufklarenden, ist die ideale Synergie-Kombination für Siegmund. Er wird die droge als »Energy-Trink« und nicht als Psychopharmakon interpretieren und ihn deshalb sehr gerne zu sich nehmen.
Doch wie die Geschicht es will, die Wirkung des »drink« ist nicht ganz die gewünschte, die Dosierung stimmte nicht: Siegmunds Wahrnehmungsfähigkeit verschärft sich weiter: mit einem Mal wird ihm überdeutlich bewußt, daß er sich im fremden Heime hat pflegen lassen.
Der Hausvorstand des Kranken-Heimes kehrt gleich darauf zurück. Ein Konflikt bahnt sich an, denn Siegmund hatte sich in feindliche Regionen verirrt, wo er weder Recht auf Wundversorgung noch auf psychologische Behandlung hatte und wird aufgrund seines Artilulationsdranges als Feind entlarvt.
Die traumhaften Momente der Krankenpflege sind vorbei, die Wirklichkeit sieht nur ein wenig anders aus. 
Die Krankenpflegeberufung ist strikten Regularien unterworfen: Ausgelebte Sexualität widerspricht dem Berufsethos, deswegen muß Schwester Sieglinde auch Heim und Herd fliehen, nicht ohne sich zuvor - mit Siegmunds Hilfe - des Heimvorstandes zu entledigen. 
Das Paar zeugt in der folgenden, ersten und einzigen Liebesnacht ihren Sohn Siegfried, der schnell zur ultimativen Kampfmaschine der Sage heranwächst. Er wird leider der Krankenpflege gäntlich entbehren können und liegt deshalb außerhalb unseres Interesses.
 
 
So unwirtlich die restliche Umgebung in Wirklichkeit auch sein mag, in den entscheidenen Momenten der Genesung muß die Illusion eines idealen Heimes geschaffen werden, damit die Krankenpflege Wirkung auf den Kämpfenden haben kann.
Wäre Siegmund nicht - zielgenau von seinem Unterbewußtsein gesteuert - auf seine Schwester gerichtet gewesen, hätte es schlecht um ihn ausgesehen, denn in mythischen Zeiten (acht bis neun Jahre vor Verabschiedung der ersten Genfer Konvention) gab es noch keine Rücksicht für die Verwundeten des Feindes. 
Auch das Einzelkämpfertum und individualisierte, krankenpflegende Schwestern sollen von nun an der Vergangenheit angehören.
Für Zeiten des Massenkrieges muß die Krankenschwester erst noch uniformierte Kleidung anlegen, Arbeitsvorschriften auswendiglernen und der »lady with the lantern« auf die Krim zu folgen.
 
 
Ausbildungen und Einbildung
 
Florence Nightingale war die »lady with the lantern«, die Krankenschwesternausbildung und medizinische Versorgung im Krieg auf der Krim (1854-56) mit aller Kraft und sich selbst als "leuchtendem" Leitbild vorantrieb.
Im Vorwort ihres bahnbrechenden Werkes »Notes on Nursing« (1862) schreibt sie retrospektiv ihre Grundthese fest Every woman is a nurse .   Sie geht dort in ihren einleitenden Worten davon aus, daß, da alle Frauen im Verlaufe ihres Lebens krankenpflegerische Tätigkeiten übernehmen und so zu bestimmten Zeiten verantwortlich die Betreuung der Gesundheit einer anderen Person übernehmen, Frauen folglich zur Krankenpflege automatisch qualifiziert seien.  Alles weitere gilt es zu schulen und bewußt zu machen. (So versteht sie ihre Schrift auch weniger als Lehrgang denn als ideelle Grundlage des »Krankenschwesternberufes«.)
Sie selbst fühlte sich berufen zu höheren Taten. Aus der englischen Oberschicht stammend und eine ausgezeichnete Privaterziehung durch ihren Vater genießend wurde sie immer deprimierter angesichts des müßigen Lebens, das  sie als wohlerzogene Frau der Oberschicht erwartete. Statt einem acht Jahre um ihre Einwilligung werbenden Mann das Jawort zu geben, hatte sie eine quasi religiöse Eingebung, daß sie in ihrem Leben etwas Wichtiges werde tun können, daß es einen weiblichen Christus werde geben können.
Doch erst Jahre später kristallierte sich die Krankenpflege und Gesundheitsvorsorge als ihr Wirkungsfeld heraus. Ihrer Familie gegenüber mußte sie das Recht, krankenpflegerisch im Beruf tätig zu werden, hart erkämpfen.
So absolvierte sie erst im Alter von 30 Jahren Florence Nightingale bei Theodor Fliedner in Kaiserwerth eine Ausbildung  und erwägte dabei kurzzeitig auch, zur katholischen Kirche zu konvertieren.
Denn Theodor Fliedner, der Leiter des von ihm gegründeten, ersten Mutterhauses innerhalb der Diakonissenanstalt in Kaiserwerh am deutschen Rhein, konnte eine Gleichstellung von Frauen gleichfalls nur darin sehen, daß sie wie die Männer neben ihren religiösen auch ihre weltlichen Pflichten erfüllten. Die Idee der Professionalisierung des Krankenpflegeberufs sollte einerseits die besonderen, weiblichen Qualitäten der einfühlenden Betreuung verwirlichen, andererseits den neuen Krankenschwestern über das Berufsbild ähnlichen Schutz zukommen lassen wie den klösterlichen Ordensschwestern: Da es werktätige und dabei gleichzeitig christlich motivierte Tätigkeiten im Rahmen der Gesellschaft und den Kirchengemeinden kaum gab, sei der Krankenschwesternberuf das ideale Medium weiblicher Verwirklichung. Das Mutterhaus von Fliedner in Kaiserwerth wurde da bahnbrechend, da es eine solide Ausbildung anbot: Alleinstehende Frauen konnten nach bestandener Aufnahmeprüfung in Kaiserwerth eine Kranken-Schwesternausbildung im christlichen Sinne genießen. 
Der strikte organisatorische Rahmen klösterlichen Lebens wurde so in den Anfangstagen des Krankenschwesternberufes auf seine Ausbildungsstruktur übertragen.
Während von Fliedner der zivilrechtliche Rahmen unter dem Einfluß der Kirche für den Krankenschwesternberuf festgelegt wurde, gab es auch von anderer Seite Interesse an der organisierten Schwesternkraft:
 
Im 19. Jahrhundert wurde die Krankenpflege zu einer "weiblichen Berufung", später zu einem 'Beruf' erklärt, der ausschließlich Frauen zustehe. Treibende Kräfte waren auf der einen Seite Männer: z. B. Politiker angesichts der "Nöte der Soldaten in den Befreiungskriegen" (1813 - 1815),  [die mit Vaterlandsliebe für die Berufung von Frauen warben] ... ;und auf der anderen Seite Frauenrechtlerinnen bürgerlicher Herkunft auf der Suche nach "sinnvoller weiblicher Betätigung" jenseits von Ehe und Familie für unversorgte Frauen.  
 
Es war Fliedners zeitweilige Schwesternschülerin Florence Nightingale überlassen zu demonstrieren, wie Krankenschwesternberuf und militärische Hierarchie in Einklang zu bringen seien. 
In den »Notes on Nursing« betont Florence Nightingale die Notwendigkeit strikter hierarchischer Organisation. Sie sei umso wichtiger je schlechter die unteren Ränge der Krankenversorgung qualifiziert sind.  Angesicht der intensiven Anforderungen an Leib und Seele in der Pflegetätigkeit wäre eine stabilisierende, straffe Organisation grundsätzlich unabdinglich.
Sie zeigte für manche Kritiker auch, was eine straffe militärmedizinische Organisation in den Lazaretten leistete: die Verluste an Menschenleben wurden erheblich reduziert, ein Großteil der Verwundeten erneut "verwendbar".   
Bei ihrem Einsatz auf der Krim wurde Florence Nightingale schließlich von der britischen Regierung der militärische Rang eines »General Superintendent of the Female Nursing Establishment of the Military Hospitals of the Army« (erst 1856) zuerkannt. Damit wurden auch die ständigen Querelen mit anderen Militärs und Medizinern - vor allem dem inspector general of hospitals - um die Befehlsgewalten in den Lazaretten hinfällig.
Die katastrophalen hygienischen und organisatorischen Verhältnisse sowie die extrem hohe Verletztensterblichkeit während des Krimkrieges waren Faktoren, die Nightingales Wirkungsfeld auf der Krim bestimmten:
Sie stärkte durch ihre breit angelegten Reformen in der zum Krankenhaus umgeformten ehemaligen Festung in Scutari nicht nur die Heeressubstanz durch wieder "verwendbare" Leiber, sondern es war ihren durchgreifenden hygienischen Maßnahmen zu verdanken, daß unzählige Leben tatsächlich gerettet wurden. Im Krimkrieg waren zuvor mehr Soldaten durch Krankheit gestorben als im Kriegsgeschehen gefallen wären. 
Die Sterblichkeitsziffern der Krimsoldaten nutzte Nightingale für ihre hygienepolitischen Argumentationen. Auf der Krim und im zerfallenden türkischen Großreich fehlte es an allem hygienisch Nötigsten. Nightingales Politik war deshalb eine von Waschzuber und Seife, Decken und Kochgeschirr, Wundbinden und Handtüchern und Besen und Eimer.
Florence Nightingale macht in ihren auf den Erfahrungen im Krimkrieg fußenden »Notes on Nursing« neben allgemeinen Betrachtungen zur Medizin und Hygiene der Krankenpflege verstärkt Hinweise auf die extreme Sensibilität der Beobachtung und außerordentliche Gewissenhaftigkeit, welche die Tätigkeit als Krankenschwester erfordere. 
Für die besten Bedingungen stellt sie grundsätzliche Forderungen: genug frische Luft und gleichzeitig Wärme, kein Lärm - besonders aber keine geflüsterten Gespräche in Hörweite des Kranken, Sauberkeit im Krankenzimmer, gelüftete Betten, angemessene Krankenkost, aber auch Blumen und Bilder, die Verläßlichkeit der Pflegenden und das Unterlassen unerbetener Ratschläge. In die Welt des Kranken sich zu versetzen, in der alles nur geschieht, was dem eigenen Körper geschieht, und die Gedanken festgehalten sind im Mikrokosmos von Bett und dem Blickradius aus ihm heraus, ist für sie eine nüchtern und unsentimental vorgetragene Notwendigkeit, - erste Bedingung der Krankenpflege.  
Diese »Bedingungen« setzte sie in mühsamsten Anstrengungen weitgehend durch, eine erheblich reduzierte Sterberate der Verletzten war ihr Lohn.  Schon Nightingale wurde höchst dringend angeraten , einen ganzen Stab von Schwestern mit nach Scutari zu nehmen, sie selbst wollte ursprünglich mit nur drei weiteren dorthin reisen. Die anfänglichen Konflikte zwischen Schwestern und anwesender, versagender Ärzteschaft waren groß. Es war nur der Ober-Schwester Nightingales Organisationskraft, Effizienz und Integration in militärische Strukturen zu verdanken, daß ihre Autorität gestärkt wurde. 
Für die heimische, britische Presse wurde sie unterdessen zum Star. Das Bild der »lady with the lamp« oder der »lady with the lantern«, die in übergroßer Aufopferung für das Wohl verwundeter britischer Soldaten arbeitete und abends ihre Gänge durch die 8 km lange Bettenreihe der Festung machte, wurde zelebriert. Hätte Nightingale gewollt, wäre sie zum Krankenschwesternstar geworden, bevor die Krankenschwesterntätigkeit im Krieg von zentraler Stelle in uniformierten Einsatztruppen organisiert wurde.
Ihre Weigerung, den ihr zugetragenen, öffentlichen Ruhm dann als Person öffentlichen Interesses anzutreten fällt in Nightingales Biographie besonders auf. So weigerte sie sich auch, die offizielle Rückweise zusammen mit den führenden Militärs anzutreten und reiste alleine und - wie immer - auf eigene Kosten nach Hause. Ihre Aufgabe im Krimkrieg hatte sie vollkommen verausgabt, für den anschließenden Ruhm fehlten ihr Kräfte und das nötige Temperament. 
Florence Nightingale als Medium, das Krankenschwesterberuf und militärische Organisation in Einklang bringen konnte, zog sich für die verbleibenden 50 Jahre auf das Krankenbett und von der Öffentlichkeit zurück. Ihr Krankenzimmer wurde im folgenden zur Schalt- und geheimen Kommandozentrale für Gesundheitsfragen des britischen Empires.
Sie konzentrierte sich erneut auf die Verarbeitung von Zahlenmaterial (sowohl in bezug auf das mangelhafte Gesundheitssystem in England, als dann auf das der indischen Kronkolonie). Das von ihr gesammelte Zahlenmaterial wurde ausgewertet und dann zum Teil erstmals grafisch gestaltet, um als Argumentationsgrundlage nicht nur der Verbesserung des maroden englischen Gesundheitssystem zu dienen. Sie schrieb unzählige Briefe und Petitionen, spann andere bis zu deren Verausgabung für ihre Zwecke - die inhaltlich immer die des Allgemeinwohls waren - ein und hatte über viele Jahre hinweg großen Einfluß auf die britische Gesundheits- und Sozialpolitik.
 
Das 1864 in der Schweiz gegründete Internationale Komitee vom Roten Kreuz versuchte international ethische Fragen in der Krankenversorgung von Kriegsverletzten durchzusetzen.  Auch die kriegsmedizinische Verwendung der Schwesternkraft sollte eine besondere Rolle spielen. Krankenschwestern gehören in der Regel zivilen oder kirchlichen Organisationen an und werden im allgemein nur indirekt, quasi ambulatorisch, über ihre Dachorganisationen in die militärische Organisation integriert. Diese indirekte Integration bietet sich an, denn ordentliche Krankenschwestern sind über ihre Berufsverbände schon quasi militärisch organisiert und psychologisch im Rahmen der Berufsordnungen und Kleidervorschriften kaserniert.  
Eine Ausbildung beim in der ersten Hälfte des 19. Jh. in der Schweiz gegründetem Roten Kreuz mit nachfolgenden nationalen und regionalen Verbänden hatte zur Folge, daß die Schwestern auch später zur Verletztenbetreuung im Kriegsfalle verpflichtet blieben und jederzeit rekrutiert werden konnten. Auch der Genuß einer Ausbildung unter der Dachorganisation des Deutschen Roten Kreuzes sollte die Verpflichtung zum Einsatz im Kriegfalle nach sich ziehen. 
Das ist die Rahmenhandlung für die Krankenschwesterrolle, daneben stehen Kleiderordnung und Verhaltensmaßregeln. Repräsentativ für das Verschwinden der einzelnen Person in der »Schwesternkraft« steht die Krankenschwesterhaube:
 
Als ich herkam, Ma'am war ich bereit, mich jeder Notwendigkeit zu beugen; mich in jeder Hinsicht ausbeuten zu lassen. Aber es gibt einige Dinge, Ma'am, denen kann man sich nicht beugen. Zum Beispiel die Haube, Ma'am. Es gibt welche, die einem stehen, und andere, die anderen stehen. Und wenn ich von den gewußt hätte, Ma'am wäre ich nicht hierhergekommen, Ma'am, obwohl ich ein inneres Bedürfnis verspürte, als Krankenschwester in Skutari meinen Dienst zu tun.  
 
Der individual-psychologische Terror eines Uniformteils wird deutlich, wo die Schwesternhaube zum statuarischen Beispiel von Persönlichkeitsbedrohung wird. Unter der Schwesternhaube scheint die Schwester zu versinken (Abb. ). 
Doch im gutgemeinten Design ihres Schöpfers sollte die Haube vor allem Schutz versinnbildlichen: weil die Krankenschwester in ihrer Tracht (quasi) präventiv schon unter die Haube gekommen ist.
Der institutionalisierte Beruf der Krankenschwester scheint durch den Kunstgriff seiner Aura, relative Sicherheit vor männlichen Zugriffen zu bieten. Die versinnbildlichten Tugenden müssen jedoch verinnerlicht sein, um Zugriffe abwehren zu können, eine Ausbildung muß sie entsprechend unzweideutig vermitteln. Schnell rekrutierten Hilfskrankenschwestern im Krieg kann der mühevoll anerzogene Berufsethos daher durchaus fehlen. Auch Nightingale mußte diese Erfahrung machen, sie schickte eine Vielzahl junger Schwestern aufgrund moralischer Verstöße (u.a. wegen übermäßigem Alkoholkonsums) wieder nach Hause schicken. 
Entsprechend untersagte Nightingale jeder weiblichen Person mit Ausnahme ihrer eigenen den Zutritt zu den Krankensälen nach 8 p.m., denn disziplinarische Erwägungen mußten Grenzen für körperlich-räumliche Nähe geben. 
 
Wir wir gesehen haben, war Nightingale Oberschwester  und gleichzeitig Gesundheitspolitikerin. Diese Ausnahmesituation unterschied sie von jeder normalen Krankenschwester, denn "größere" Aufgaben oder Strategien im  zu verfolgen, ist einer Krankenschwester natürlich im stationären Handlungsplan verwehrt. Die Größe der krankenpflegerischen Tätigkeit sieht der kirchlich-religiöse Heilsplan ausdrücklich in einer Antiproportionalität zu ihrer Bezahlung vor, Nightingale setzte sich stark für die bessere Bezahlung des Pflegepersonals ein (sie selbst lebte von den 500 £, die ihr Vater ihr jährlich zahlte).
Doch Volksideologien wollen, daß man bereit sei, seinen eigenen Körper für den Volkskörper aufzuopfern. 
Die »camelia« Monatsbinden-Werbung im Dritten Reich stellte deshalb eine Krankenschwestertugend heraus: Pflichterfüllung auch an "schwierigen" Tagen. Stets einsatzbereit meistert die Deutsche Frau auch schwerste Pflichten. Man wird ihr nicht anmerken, wenn sie einmal nicht voll auf der Höhe ist ... Die Camelia Produktion sichert auch Ihren Bedarf.     
Die Monatsbindenproduktion war so im ideologisch sauberen, deutschen Raum kriegsrelevant geworden. Eine Aufopferungsbereitschaft für den Volkskörper kann also analog zum Soldaten auch von der Krankenschwester geordert werden; dabei muß sie zunächst ihr eigenes Blut stillen lernen. 
In diesem Sinne arbeiten Krankenschwester und Soldaten an der gleichen Schnittstelle (zwischen Individuum und Gesellschaft): dem verwundbaren menschlichen Körper. Doch Krankenschwestern haben sich auch dann um den Körper zu sorgen, wenn die Lust des Krieges vorbei ist.
Die Aufmerksamkeit der Krankenschwester hat dem alltäglichen organisatorischen Betrieb auf der Krankenstation und gleichzeitig den einzelnen Kranken zu gelten, also einem makroskopischen Bereich der direkten Krankenpflege und -betreuung, bei der es Stoff der Menschlichkeit noch aus dem Alltagsstreß ( des Krieges) zu gewinnen gilt.      
 
 
Die Kranken
 
Im Lazarett sind es noch nicht ganz gefallene Soldaten, die unter medizinischer Anleitung um ihr Leben kämpfen. Im Feld kämpfen sie für die Interessen einer Nation oder eines Bündnisses.
Im Lazarett kämpfen die Schwestern mit den Soldaten um deren eigenes Leben.
Wir werden sie im folgenden sehen, wie sie im Krieg abgenutzte Körper versorgen, versuchen, die Integrität der Leiber wiederherzustellen, wie sie den Kranken ihr Essen bringen, sie füttern und mit den Patienten um vergehendes Leben bangt. 
Dabei spritzen Krankenschwestern Morphium, geben Schlaf- und psychopharmazeutische Mittel, um körperliche und seelische Integrität zumindest im Dämmerzustand wiederherstellen zu können. Von dem wir hören können, sind vor allem Fiktionen der Barackenrealität des deutsch-französischen Krieges 1870/71, der in der vollständigen Unterordnung der professionellen Helferinnen unter militärische Ordnung höchst effizient war. Und des ersten Weltkrieges, dessen Krankenbehandlungen eher an die Handlungen von Horrorerzählungen erinnern, was auch übergeordnete militärische Ziele hatte. Medizinisch-pflegerische Handlungen werden hier in Erfahrungsberichten von Hilfskrankenschwestern reflektiert: 
Neu an der Ausnahmesituation des Krieges ist, daß Hilfskrankenschwestern angeworben werden, die kein eigentliches Berufsethos mitbringen und damit eine Sonderstellung einnehmen. Relativ unerfahrene, d.h. schnell angelernte Hände dürfen dann an verletzten männlichen Körpern pflegen, um in Zeiten des Mangels den Volkskörper aufrechtzuerhalten. Das erhöht natürlich die Dramatizität der Krankenpflege in Kriegszeiten. 
Die hier behandelten Erzählungen, die vorwiegend von Hilfskrankenschwestern stammen, sind von einer Konsistenz, welche die Qualität von Horrorgeschichten kursorisch mitbehandelt. Die Ausnahmesituation der Krankenpflege im Krieg schreibt sich bevorzugt in solche Köpfen ein, die noch rezeptiv für den Horror sind, da sie den zivilen Kampf um Leben und Tod im Hospital nicht gewohnt sind. 
Die Krankenpflege im Krieg wird in den Köpfen von Hilfskrankenschwesern zu Dramatizität verdichtet und von diesen als Selbst- und Lesertheraphie wiedergespult. Einige Proben aus diesen Krankenberichten sollen folgen:
(Die vorliegenden Berichte versuchen sich von einer verletzten Wirklichkeit zu nähren).
Die Psyche des Soldaten hat sich schon zuvor als defizitäres Element in der  Kriegsführung erwiesen.
Im Lazarett ist die Krankenschwester nun mit der Ohnmacht der Verletzten kontrolliert, die wenn schwerverletzt aus dem Kampfgeschehen gerettet, in ein lebensgefährdendes, geistiges Vakuum der möglichst klinischen Umgebung geraten. 
Denn in einem kaputten Körper läßt sich nur noch die Leere elektrifizierender Gedanken feststellen. 
Beinahe homöopathisch gedacht ist so die Idee, die Patienten mit elektrischem Strom wiederbeleben zu wollen.
Denn der Gedanke von Elektifizierung ist Soldatenpsychen ganz nah:
Der Aufruf des Königs 1813 "An mein Volk  " schien die kriegerischen Potentiale in den deutschen (Hirn-)Regionen zu aktivieren. "Der zweite Jäger" bejaht es. Ja, das ganze Heer war wie elektrisch.  . Des deutschen Königs multiplizierte Worte wirkten wie eine hormonale Injektion für die Massen, bedeutungsschwangere Worte setzten euphorisch stimmende Substanzen in männlichen Gehirnen frei. Die Elektrifizierung deutschstämmiger Gehirne war in diesem Fall geglückt und die Spannung hielt an - 
bloß nicht für die in der Schlacht verkrüppelten Krieger, denen waren Worte nun nicht mehr genug, auch nicht die sanften Worte einer Krankenschwester. Jene brauchten härtere Mittel, um von ihrer eigenen Lebenskraft und ihrer positiven Einstellung zum Kampf um Leben oder Tod überzeugt zu werden. 
Die »Heldin« in Paula Schliers Aufzeichnungen arbeitet in der mediko-mechanischen Abteilung, wo steife Glieder und Gelenke der nicht vollständig dahin gestreckten Krieger wieder gelenkig gemacht werden sollen.
So saß die Hilfskrankenschwester in einer Ecke des Behandlungsaales mit dem Elektrisierapparat, galvanischer und faradischer Strom  und schildert die Situation folgendermaßen: ...um mich herum zwanzig nackte Arme und Füße, die alle behandelt werden wollten. Ich gab einem Mann in die linke Hand die eine Elektrode und strich mit der anderen über den rechten Arm, der in allen Nerven zu zucken und zu springen begann. Ein Bauer wehrte sich dagegen und hielt die Elektrisiermaschine für ein Werkzeug des Teufels.  
Doch nicht aus allen Leibern ist die Manneskraft gewichen: Ein anderer mit einem Schulterdurchschuß rühmte sich, den stärksten Strom aushalten zu können.  
Die Behandlung solcher hoffnungsvoller Fälle in Kriegslazaretten diente nur dem einen Zweck, die Kriegstauglichkeit wieder herzustellen und die Soldaten erneut zu »elektrifizieren«. Die Erzählerin Petra fährt fort Um zehn Uhr kam der Oberarzt, ließ die Patienten stramm stehen, einige Übungen vornehmen und trug in die Krankengeschichte den Vermerk 'kriegsverwendbar' ein.  Der Kommentar der Erzählerin, deren Tätigkeit als Hilfskrankenschwester nur eine unter vielen anderen in ihrem Leben sein sollte, vermerkt zynisch. Die Hand sollte heilen, damit sie wieder durchschossen werden konnte.   
Die Klage der Patienten, daß Schwester Petras Station eine Folterkammer sei, weiß sie zu bestätigen. Der Elektrisierapparat schlug Funken, die in alle Nerven bissen, die Gelenke krachten beim Massieren und die Schreie der Gefolterten drangen hinüber bis ins Hauptgebäude.  
Heilungsmethoden werden zu Foltermethoden, wenn das Verlassen des Hospitals mit erneutem Fronteinsatz belohnt wird. Die Belohnung für die Akzeptanz seitens des Kranken, geheilt zu sein und wieder kämpfen zu können, ist die Befreiung von der Folter der hospitalen Behandlung. In dieser militär-medizinischen Logik muß Krankenbehandlung schlimmer erscheinen als die Alternative: der Kampf im Fronteinsatz. Die Elektrifizierung der Verwundeten wird vorangetrieben. Der Elektrisierapparat schlug Funken.
Und die Krankenschwester bediente die innovative Maschine, wie ihr befohlen wurde.
Politische Energetisierung scheint in Jüngers fortgeschrittenen Schützengrabenpositionen schon aus den Soldaten gewichen zu sein. 
Überindividuelles Hineinfließen in die Schützengräben nimmt ihren Platz ein. Das Kriegsgeschehen als solches scheint von einem elektrischen Strom durchflossen zu sein:was hier dunkel und unaufhörlich vorüberzieht, das ist die furchtbarste Form, in die der Weltgeist bis jetzt das Leben gestaltet hat. Und gerade weil die Massen so grau und eintönig sich voran wälzen, um sich vorn hinter den Dämmen zu einem Becken voll ungeheurer Energie zu speichern, gerade deshalb erwecken sie den Eindruck der reinen Macht, deren Idee sich wie ein elektrischer Strom auf den Zuschauer überträgt. 
Wer in den Gräben verschüttet wird, der ist nicht mehr an den »elektrischen Strom« angeschlossen, er kann froh sein, wenn ihn Sanitätstruppen herausbuddeln:  
Einer, der stieß mit dem Kopf immerzu an die Steinwand. Der Wärter versuchte ihn zu binden, damit sein Anfall die anderen Patienten nicht anstecke. Diese erzählten, daß er im Felde verschüttet, dann erblindet war; zwar sehe er auf dem einen Auge wieder, doch leide er an epileptischen Anfällen, die furchtbar anzusehen seien: außerdem sei ihm ein immerwährender stechender Kopfschmerz, eine stotternde Sprache und ein gestörtes Denkvermögen geblieben....
Ich hielt ihm ein Kissen unter den Kopf, ließ ihn daran stoßen, bis er müde war, und dachte: Gott, wenn Du bist, wofür und warum muß dieser Mensch leben?  , berichtet Schwester Petra vom VerschüttetSEIN. 
Je höher der Verletzungsgrad desto schwerer fällt es, die Motivationskurve des Verletzten wiederaufzurichten. 
Alle potentielle Motivation hängt jedoch von der eigenen körperlichen Integrität ab. 
Wenn er im Bett liegt oder er nicht weiß, wo er ist, wenn seine Schädigung irreversibel ist, dann fällt seine Behandlung im militärischen Rahmen umso schwerer:
Schwester Petra ist betroffen, denn dort war ...ein Rückgratsgelähmter, der nur in erdwärts gekrümmter Haltung gehen konnte. ...  und Ein Mann, dem ein Durchschuß durch das Ohr das Gleichgewichtsempfinden gestört hatte, versuchte sich schwankend, wie betrunken, fortzubewegen. Er legte sich der Länge nach auf die Bahre und hatte kein Gefühl dafür, ob er liege oder stehe, er stand auf und war im Zweifel, ob er nicht liege.  
Dieser Krieger ist gänzlich aus der Balance geraten, mit ihm ist nur noch schwer etwas anzufangen.
Und wenn die Balance nur unter Morphiumspritzen für das subjektive Empfinden wiederhergestellt werden kann, bleibt als Projektionsfläche im Delirium nur der weiße Rock der Krankenschwester, deren Hände die Spritzen verabreichen. Die Krankenschwester ist dann auch ein Medium der Sinnesabschirmung.
Daher hätte sich auch Florence Nightingale, wie Schwester Petra über psychogene Marschmusik empört:
Im letzten Leichtverwundetensaal spielte jeden nachmittag Militärmusik, bei Siegen mit verstärktem Orchester. Im großen Saal weinten die Schwerkranken vor Nervosität und baten um Watte zur Verstopfung ihrer Ohren.  
Eine krankenpflegerische Aufgabe bleibt, die zu den Kranken dringenden Nachrichten zu filtern (auch wenn diese aus Musik bestehen), so daß eine Nachricht vom Frontgeschehen (oder aus der individuellen Krankenakte) den Heilungsprozeß nicht nachhaltig stört, bzw. den Krankheitsverlauf nicht beschleunigt. 
Die Heldin in Paula Schliers Report ist an noch weiter fortgeschrittenen Phasen der Entropie des imperfekten Menschenmaterials tätig:
Sie arbeitet schichtweise auch bei den Schwerverletzten, wo langsames, unaufhörliche Vergehen die Regel ist. 
Im Schwerverletztensaal transformiert die Krankenschwester dann schon mal in einen »Todesengel«, so willkommen dieser manchem Leidenden sein mag.
Die Krankenschwester berichtet von ihrem Dienst im Schwerverletztensaal, die Nachtwache dauerte von sieben Uhr abends bis zum Frühlicht. Am Tisch brannte eine Kerze, die einen hellen Kreis in die Mitte des Saales warf, der übrige Raum lag in der Finsternis. Aus den Ecken hustete, stöhnte, ächzte, röchelte es, wie aus einem lebendigen Grabe. Ohne Laut öffnete sich die Türe, eine Ordensschwester brachte eine Tasse Tee, setzte sich vor mich hin auf den Tisch und sagte: "Heute hat also wieder unser kleiner Todesenel Dienst." Sie hob den Zeigefinger, lächelte, glitt zur Tür hinaus, lautlos. Die Schleife ihrer Schwesternhaube zitterte weiß im Schatten der Kerze.  
Die Logik des geisterhaften Geschehens im letzten Saal des Lazaretts ist von den Paroxysmen der Krankheitsverläufe bestimmt:
Die im Sterben lagen, saugten an den Sauerstoffapparaten. Doch die wenigsten wußten, daß sie sterben würden. Oft waren sie fröhlich, erzählten einander dies oder jenes, und plötzlich starb einer lautlos unter ihnen weg.    
An einer anderen Stelle sehen wir den Todesengel in Aktion:
Er verlangte mit schwacher Stimme zu trinken; ich flößte ihm Wasser zwischen die Lippen und bemerkte, daß sich seine Lippen in der Farbe nicht mehr von seiner Gesichtshaut unterschieden. ...  Ich sah, daß seine ganze rechte Seite in Watte eingebunden war. Ich setzte die Morphiumspritze an sein rechtes Bein, er schlief sofort ein. ... Als ich aber um zwölf Uhr seinen Puls fühlte, merkte ich, daß der Mann gestorben war.  
Bei Schwester Hesekiel ist es der Arzt, der die Injektionen ärztlich dosiert vornimmt und die Schwester, die ihn dabei beobachtet:
Der Arzt  du jour macht noch einmal die Runde, öffnet erbarmungslos die eben geschlossenen Fenster, und wo die Klagen gar zu arg werden, nimmt er Morphium zu Hilfe und schließt damit manches müde Augenlied wenigstens für eine Nacht.  
Peinlich ist die Hilflosigkeit der Kranken, wenn sie noch bei Bewußtsein sind und  normale Körperfunktionen nicht mehr ihren gewohnten Lauf nehmen. Dann bekommt auch die Psyche Inkontinenzprobleme. 
Einzelne müssen gefüttert werden, denn der rechte Arm liegt in einem Gipsverbande, und der Kranke ist so schwach, daß er auch die Linke nicht rühren kann. Es ist ein trauriges Bild, einen Mann liegen sehen und den Mund aufsperren wie ein junges Vöglein, der Hand gewärtig, die ihn füttert.   
Der Zwang zum körperlichen Versorgtwerden bedeutet in solchen Fällen, daß die Psyche mitversorgt werden muß. Psychische Unebenheiten hat die Schwester in ebenfalls verständnisvoller, netter Art oder mit der Hilfe von Tranquilizern zu schlichten.
Gar schwierig ist es für den verletzten Krieger- wenn er kein Siegmund ist - in seiner Hilflosigkeit nicht sein männliches Gesicht zu verlieren, denn als »männlicher« Held bleibt man lieber in der Schlacht auf dem Feld und liegt nicht verkrüppelt in einem Lazarett. 
 
 
 
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Abbildungen:
Bildmaterial: 
 
Adolf Wölfi Nervenheilanstalt Band-Hain, 1910, Adolf Wölfi Stiftung, Kunstmuseum Bern	S. 234
 
John Lavery Die ersten Verwundeten im London Hospital, August 1914
				S. 329
 
Schwester mit Haube, 
				S. 311  verschwindet unter Haube
 
Forence Nightingale, 
Stahlstich 1854		S. 294  + Brief S. 293
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Bildmaterial: