DER SPIEGEL 42/1999 - 18. Oktober 1999
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SPIEGEL-GESPR€CH
 
"Ein faustischer Pakt"

Der US-Astrophysiker Clifford Stoll Ÿber den Unsinn von Multimedia und Online-Unterricht, die QualitŠten guter Lehrer und den Teufel in Gestalt von Bill Gates

SPIEGEL: Mr. Stoll, dass es das Internet gibt, hat die Welt unter anderen auch Ihnen zu verdanken. Inzwischen gelten Sie als einer der schŠrfsten Kritiker des Datennetzes. Wie wird ein Computerfreak zum Technik-Hasser?

Stoll: Das bin ich doch gar nicht! Ich liebe Computer! Mich stšren doch nicht die GerŠte. Nein, es ist der Kult darum, der mich schaudern lŠsst. Diese Idee aus der Microsoft-Zentrale in Redmond oder von Apple oder sonstwo aus dem Silicon Valley macht mir GŠnsehaut, diese Botschaft, die mir aus allen Magazinen entgegenschreit: Wenn du keine E-Mail hast, wenn du nicht dauernd durchs Internet surfst, dann bist du ein Ewig-Gestriger.

SPIEGEL: Nicht nur die Leute aus den Computerfirmen, auch einige angesehene Wissenschaftler halten Sie dafŸr.

Stoll: Viele hassen mich sogar richtig. Sie beschimpfen mich als totalen Idioten, als MaschinenstŸrmer. Und das nur, weil ich Fragen stelle, Ÿber die diese Leute nicht nachdenken wollen. Die zeigen lieber weiter ihre Bilder von freudig erregten, lachenden Kindern, die glŸcklich vor Reihen von Bildschirmen sitzen, glŸcklich irgendwelche Ufos abschie§en und dabei angeblich noch Mathematik lernen.

SPIEGEL: Und was fŸr Fragen stellen Sie sich, wenn Sie so etwas sehen?

Stoll: Zum Beispiel, ob diese Kinder eigentlich gern miteinander sprechen, so richtig von Angesicht zu Angesicht. Oder ob sie nur noch per E-Mail miteinander klarkommen. Ich bin davon Ÿberzeugt, dass die Verkabelung der Klassenzimmer unsere Kinder ganz und gar nicht glŸcklich machen wird. Es wird entsetzliche Auswirkungen auf die Ausbildung und Erziehung haben. Es ist kein Zufall, dass die Urheber des Blutbads in der Columbine High School in Littleton all ihre Freizeit im World Wide Web verbracht haben.

SPIEGEL: Dann mŸssten auch Leseratten zu Mšrdern werden - nichts isoliert mehr als ein aufregendes Buch.

Stoll: Da sind Sie einer Meinung mit Sokrates. Der wollte auch nicht, dass die Leute lesen. Er wollte, dass Leute denken und miteinander sprechen. Er hat einfach immer nur Fragen gestellt, statt die Antworten fertig auf den Tisch zu legen.

SPIEGEL: Sehen Sie das auch so?

Stoll: Ich stimme mit ihm Ÿberein, dass Fragen in der Schule wichtiger sind als Antworten. Und zwar nicht diese blšden Fragen, die ein Computer stellen kann: Was ergibt 4 plus 3? Ein guter Lehrer wŸrde das nie fragen! Er wŸrde nach der Bedeutung der Zahl 7 fragen. Und dann wŸrde er erklŠren, dass es 4 plus 3 entspricht oder 12 minus 5 oder der Wurzel aus 49. Und dass es 7 Zwerge bei Schneewittchen und 7 Weltmeere gibt; au§erdem ist 7 eine magische Zahl. Ein guter Lehrer stellt die Frage nach schlichter Addition auf den Kopf und fragt dadurch nach Arithmetik, Algebra, Sprache, Mythologie. Anders gesagt: Gute Fragen kšnnen nicht vom Computer gestellt werden. Der ist absolut wertlos fŸr so etwas.

SPIEGEL: Multimedia soll doch genau dazu verhelfen: trockenen Lernstoff mit anderen interessanten Facetten zu verknŸpfen. Die Jugendlichen lesen nicht nur den Kaufmann von Venedig, sie kšnnen sehen, wie Schauspieler von der Royal Shakespeare Company in Stratford das StŸck spielen, kšnnen sich Abbildungen vom Globe Theatre angucken ...

Stoll: ... aber das ist doch nichts anderes als Fernsehen gucken! Das ist Shakespeare-TV! Das wirklich Wichtige kann das beste Multimedia-Programm nicht vermitteln: (Stoll steigt auf seinen Stuhl, deklamiert) "Leben ist nur ein wandelnder Schatten, ein armer Schauspieler, der seine Stunde lang auf dem Schauplatze sich sprei§t, und ein Gro§es Wesen macht, und dann nicht mehr bemerkt wird. Es ist ein MŠrchen, das ein Dummkopf erzŠhlt, voll Schall und Bombast, aber ohne Sinn." (steigt vom Stuhl herab) Shakespeare ist Theater! Zeigen Sie mir den Intel-Chip, der schnell genug ist, um Macbeths GefŸhle zu Ÿbermitteln! Zeigen Sie mir die CD-Rom oder DVD, die meinen Kindern beibringen kšnnte, so einen Auftritt hinzukriegen! Die Multimedia-Anwendung, die so aufregend ist wie ein richtiger Lehrer, der wirklich Shakespeare zeigt!

SPIEGEL: Aber Multimedia ist im Gegensatz zu passiver TV-Berieselung interaktiv.

Stoll: Das ist eine LŸge! Die einzige Art von Interaktion ist die Bewegung deiner HŠnde, der Klick auf eine SchaltflŠche. Echte Interaktion ist so was ... (greift einen herumliegenden Stock und pikst den Fotografen damit) hei§t, jemanden aus dem Publikum anzufassen (packt ihn an der Schulter). Mit Menschen zu interagieren bedeutet, ein GefŸhl von Langeweile oder Aufregung zu vermitteln, Neugierde zu provozieren, zu inspizieren. Dazu muss man seine Phantasie bemŸhen, sich anderen zuwenden und Leidenschaft sprŸhen lassen. Keine Multimedia-Anwendung wird SchŸler dazu verleiten kšnnen, mehr Ÿber Shakespeare erfahren zu wollen.

SPIEGEL: Die BefŸrworter des Internet wŸrden Ihnen entgegenhalten, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis schnellere, leistungsfŠhigere Datenleitungen all das Ÿber den Computer vermitteln kšnnen.

Stoll: Wie viel Bandbreite wird es brauchen, um ein dreidimensionales, holografisches, echtfarbiges Objekt wie mich in einen Raum zu projizieren, das eine Szene aus Macbeth spielt? Und selbst wenn man das kšnnte - wŸrde es so gut sein wie ein echter Lehrer?

SPIEGEL: Sie vergleichen die Mšglichkeiten des Internet mit einem Idealzustand, aber wer hat schon solche Lehrer? Den meisten SchŸlern bleibt nichts Ÿbrig, als Shakespeare zu lesen, schwarz auf wei§.

Stoll: Ja, und das ist gut so. Das reizt ihre Vorstellungskraft. Dann mŸssen sie erfinden, denken, phantasieren, statt sich Lšffelchen fŸr Lšffelchen mit HŠppchen des angeblichen Shakespeare fŸttern zu lassen. Im Internet sehen sie ein Bild und denken: Ja, so sieht Julia aus. Wer das Drama aber liest, stellt sie sich selber vor! Darin besteht die Kraft des geschriebenen Wortes: die Phantasie anzuregen. Multimedia verdrŠngt die Vorstellungskraft fŸr immer.

SPIEGEL: Aber ist das nicht das gleiche Argument, das schon Charlie Chaplin gegen die EinfŸhrung von Ton im Film benutzte?

Stoll: Er hatte Recht damit. Tšne oder Bilder addieren zwar Information, aber im selben Ma§e geht die eigentliche Botschaft verloren. Und Marshall McLuhan hatte Recht, als er Mitte der sechziger Jahre sagte: Das Medium ist die Botschaft. Wie eine Information wahrgenommen wird, hŠngt von dem Medium ab, das sie Ÿbermittelt. Und die Botschaft, die das Internet Ÿbermittelt, ist eindeutig: Klick! Arbeite nicht, denke nicht, klick einfach auf etwas anderes. Wenn du nicht magst, was du siehst, klick dich woanders hin. Durchs Web zu surfen ist eine hervorragende Methode, das Denken zu vermeiden.

SPIEGEL: Aber die Bilder und die Musik im Internet oder in Multimedia-Anwendungen helfen auch, Gelerntes zu erinnern.

Stoll: Stellen Sie sich vor, ich wollte Ihnen Chinesisch beibringen (springt auf, holt einen Eimer mit KreidestŸcken und bemalt den Boden mit chinesischen Schriftzeichen). Hier, das sind Zong, Gao, Nan, Yi. Oder stellen Sie sich vor, ich wollte Sie physikalische Gesetze lehren, etwa, wie sich Wellen ausbreiten (haut mit dem Stock in den Gartenteich). Werden Sie sich in einem Jahr besser erinnern an eine Multimedia-Lektion auf dem Computerbildschirm, die Ihnen FlŸssigkeitsverhalten im Schwerkraftfeld erklŠrt, oder an jemanden, der sagt (greift in den Teich, lŠsst Wasser aus seinen HŠnden zu Boden rinnen): Hier, schau her, wie Wasser tropft?

SPIEGEL: Ihre Demonstration lie§e sich ebenso gut als Argument fŸr das Internet im Klassenzimmer verwenden: Statt eines schlechten, uninspirierten Biologielehrers kšnnten die SchŸler dieser Welt etwa eine Live-Vorlesung des berŸhmten Ameisenforschers Edward Wilson auf ihre Computer gespielt bekommen.

Stoll: Nein, das wŠre Fernsehen, nicht mehr und nicht weniger als Fernsehen. Es gibt einem das GefŸhl, etwas gelernt zu haben, obwohl man nichts gelernt hat; etwas zu wissen, was man in Wahrheit nicht wei§. Und es nimmt echter Erfahrung die Bedeutung. Der Amazonas-Regenwald in seiner Multimedia-Version verleiht die Illusion, den Regenwald erlebt zu haben. Aber ihn wirklich zu erfahren hei§t MŸcken totschlagen und Malaria bekommen. Das Internet verwandelt unsere Kinder in Leute, die glauben, dass mit dem Zugang zu Informationen automatisch das Verstehen der Dinge einhergeht.

SPIEGEL: Und schlechte Lehrer verwandeln Kinder in Leute, die ein fŸr alle Mal die Nase voll haben von Lernen und Schule.

Stoll: Dann tauschen Sie meinetwegen Ihren schlechten Biologielehrer gegen ein Multimedia-System ein. Aber Sie kšnnten ihn auch anders ersetzen - nŠmlich durch einen guten Biologielehrer. Sollten wir unser Geld nicht lieber fŸr bessere Lehrer als fŸr Fernseher oder Computer ausgeben?

SPIEGEL: Immerhin bringt der spielerische Umgang mit Multimedia den Kindern Spa§. Ist Spa§ nicht ein gutes Motiv zum Lernen?

Stoll: Ich bestreite, dass Lernen Ÿberhaupt Spa§ machen kann. Damit belŸgen wir unsere Kinder. In den fŸnfziger Jahren, als ich zur Schule ging, gab es auch schon Multimedia. Damals dachte man, dass Kinder nicht gern BŸcher lesen. Also verwandelte man Weltliteratur in bunte Comic-Heftchen. Dostojewskis Schuld und SŸhne, Macbeth, was auch immer. Die Hefte waren ein Reinfall. Weil echtes, sinnvolles Lernen noch nie Spa§ gemacht hat. Es bedarf der Arbeit, der Disziplin. BŸcher mŸssen gelesen und die Hausaufgaben gemacht werden. Und all das - Inspiration, Hingabe, Disziplin, Arbeit, Verantwortung - sind Sachen, die man nicht von einer CD-Rom ziehen kann. Keine Multimedia-Anwendung, keine Java-fŠhige, blinkende, bunte ActiveX-Website kann das vermitteln. Das kšnnen nur Menschen, die von Angesicht zu Angesicht mit den Kindern interagieren, die eine Beziehung zu ihnen aufbauen.

SPIEGEL: Vor rund hundert Jahren erklŠrte ein Journalist in einer Ausgabe der "New York Times" die damals neueste technische Entwicklung in den Schulen zur "vorŸbergehenden Mode" - die Wandtafel. Vielleicht tŠuschen Sie sich in Ihrer EinschŠtzung?

Stoll: Vielleicht tŠuschen sich auch die anderen, weil sie ein Interesse daran haben? Jeder, der etwas Neues erfindet, behauptet doch erst mal, dass man damit die Lehre revolutionieren kšnnte. Thomas Alva Edison glaubte, das war im Jahr 1922, dass Tonfilme innerhalb der nŠchsten fŸnf Jahre die SchulbŸcher ŸberflŸssig machen wŸrden. Die Leute wollten Radio in die Schulen bringen - auch das hat nicht geklappt. Dann, natŸrlich, das Schulfernsehen. Dabei lernt man nichts. Man sitzt da und sagt: Ach, guck mal, das sieht ja toll aus. Genauso ist das mit dem Internet.

SPIEGEL: Aber daraus kšnnen Sie doch nicht ableiten, dass jede neue Technik per se zum Scheitern verdammt sein wird.

Stoll: Nein, ich sage ja nur, dass wir einen Preis dafŸr bezahlen werden. Nur ein Dummkopf denkt, dass es eine billige, ein-

* Mit Redakteuren JŸrgen Scriba und Rafaela von Bredow im Garten von Stolls Haus in Oakland.

fache Lernmethode geben kšnnte, dass die Technik ein reiches FŸllhorn ist, das vor guten, wunderbaren Dingen nur so Ÿberstršmt, ohne dass es etwas kostet. Denken Sie nur an das Autobahnsystem. Das sollte zum Beispiel gut fŸr die Entwicklung der StŠdte sein. Also verlegte man sie direkt in die Zentren. Die Bewohner zogen weg. Die Folgen sehen Sie nicht nur in Amerika: riesige, charakterlose VorstŠdte, AuswŸchse an HŠsslichkeit.

SPIEGEL: Und was hei§t das in Bezug auf das Internet?

Stoll: Das Internet schaltet die Art wie wir denken gleich. Es lŠsst uns alle Ÿber dieselben Themen nachdenken. Es macht uns intellektuell homogen, fšrdert die Monotonie der Gedanken und Ideen. Die HŠsslichkeit der Autobahnkultur ist eine direkte Folge der Entscheidung, alles mit Autobahnen zu Ÿberziehen. Ebenso ist die HŠsslichkeit der Geisteskultur im World Wide Web eine direkte Folge der Entscheidung, das Internet in jedermanns Haus und in jede Schule der Welt zu bringen.

SPIEGEL: So kann man gegen jede Form von Fortschritt argumentieren.

Stoll: Ich sage doch nicht, dass wir zurŸckgehen und wieder in Hšhlen leben sollten. Ich behaupte noch nicht einmal, Recht zu haben. Alles, was ich sage, ist: Jede VerŠnderung, ob gesellschaftlich oder technisch, ist ein faustischer Pakt - es gibt nichts umsonst. Faust wollte mit Mephistos Hilfe zwei Dinge erlangen: Allwissenheit und Allmacht. Was verspricht das Internet? Exakt dasselbe. Und auch der Preis ist genau der gleiche: fŸr Faust das Wichtigste, was er im Leben besa§, nŠmlich seine Seele. Er verlor sie.

SPIEGEL: Und wer spielt in Ihren Augen den Part des Mephisto? Bill Gates?

Stoll: Warum nicht? Viele Leute sehen ihn als den Teufel.

SPIEGEL: Und was verlieren die Kinder, die sich auf den Pakt einlassen?

Stoll: Das Wichtigste, was wir Menschen besitzen: unsere Zeit auf dieser Erde. Sie ist begrenzt. Und wir verschwenden sie, sitzen herum, surfen durchs Netz und klick, klick, klick, sind fŸnf Stunden vergangen. Das geht Ihnen doch genauso, wenn sie lange online waren: Am Ende sitzt man da und fragt sich, was es einem gebracht hat. Bin ich ein besserer Mensch geworden? Bin ich weiser geworden? Hat es meine Persšnlichkeit vertieft? Verstehe ich besser, was die Welt im Innersten zusammenhŠlt? Nein. Ich bin blo§ fŸnf Stunden Šlter geworden.

SPIEGEL: Mr. Stoll, wir danken Ihnen fŸr dieses GesprŠch.
 


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