-My Pop Used To Say It Reminded Him Of Bebop-

Erinnerung im Hip Hop

Eine Hausarbeit von Peer Steinwald


 

Inhalt

1. Intro

2. Eine kurze Geschichte des Samplings
    2.1 Technologie
    2.2 Musik

3. Jazz und Hip Hop
    3.1 Gang Starr
    3.2 A Tribe Called Quest
    3.3 Freestyle Fellowship
    3.4 Us 3

4. Outro: Jazz bleibt Jazz und Hip Hop bleibt Hip Hop

1. Intro

„Musik hören, heißt Musik wiederhören“[i]. Mehr als auf andere Gattungen moderner Musik, insbesondere der Popmusik, trifft diese, von Diederich Diederichsen aufgestellte These auf Produktionen aus dem Bereich des Hip Hop zu. Nichts bezieht sich in der Weise wie Hip Hop auf bereits gehörte, beziehungsweise produzierte Klänge. Durch Verwendung des Samplers vermischt sich hier Bekanntes und Unbekanntes, was auch bedeuten kann, daß wir das Bekannte im unbekannten Gewand neu entdecken.

In seinem Text spricht Diederichsen von in der Popmusik immer zusammengehörenden Hörweisen: auf der einen Seite beim Hören des schon Bekannten, das referenziell „auf einen entweder ausgesprochenen, objektiven oder einem früheren Hören verbundenen, subjektiven anderen Ort und anderen Zeitpunkt“ verweist. Auf der anderen Seite beim nachvollziehenden Hören des Neuen, das sich mit der aktuellen Erfahrung mischt.
Seit den Achtziger Jahren, in Verbindung mit den fortschreitenden Entwicklungen im Bereich der Sampletechnologie, verweist der gesamplete Anteil im Hip Hop nahezu komplett auf das Abwesende in der gehörten Musik. Ursprünglich in den 1970ern nur funktional zur Verlängerung von zu kurzen, aber sehr tanzbaren Instrumentalparts mittels zweier Plattenspieler entwickelt, hatten die Musiker nun die Möglichkeit, dank Sampling, all ihre (musikalischen) Einflüsse aus der Vergangenheit in ihren eigenen neuen Kontext zu integrieren:


Der allgemein angenommenen Verstreutheit wurde eine Einheit von Jazz, Funk und anderen als afro-diasporisch gekennzeichneten Musiken gegenübergestellt: ihre Einheit fanden sie als gleichartig behandelte Samples, die alle an verschiedenen Vergangenheiten erinnerten, aber im Hip Hop-Loop in einer reinen Gegenwart nur noch von DER Vergangenheit sprachen.[ii]

Die Auswahl des Bekannten in einem Hip Hop-Song ist vom DJ natürlich, zumindest meistens, nicht willkürlich, sondern durchaus in einer bestimmten Absicht entschieden. Häufig wird dabei an etwas Vergangenes, aber im neuen Kontext Relevantes erinnert. Das kann an einen Musikstil sein, an Vorbilder oder an Einflüsse der Musiker. Immer lösen diese Original-„Schnipsel“ aber beim Hörer einen Erinnerungsprozess aus, selbst wenn er das Original nicht kennt.
Erkennen heißt ja nicht nur wiedererkennen, d.h. nicht Wiedererkennen einer Melodie oder eines Rhythmus, sondern auch das Erinnern oder Wiedererkennen von ähnlichem, was damit assoziiert wird. Durch die Verwendung von Samples, die dem Hörer mehr oder weniger bekannt sind, ist er noch stärker mit dem Erkennen, bzw. dem Versuch des Erkennens beim Hören beschäftigt. Mit der (Weiter-) Entwicklung des Samplers bekommt die Erinnerung auch für die Musiker eine neue Bedeutung. Die veränderten technischen Möglichkeiten der Speicherung jeglicher Töne und Klänge erforderten eine neue Auseinandersetzung mit den musikalischen Hintergründen. Hip Hop war nicht mehr nur funktional, d.h. nur zum Tanzen, sondern mit einem Male persönlicher Ausdruck geworden.
Nachdem ich zunächst kurz die Geschichte des Samplings, d.h. die technischen und ideellen Neuerungen, die diese Entwicklung seit Anfang der Siebziger Jahre geprägt haben, zusammenfasse, möchte ich am Beispiel einiger Produktionen, die sich durch Samples oder Einflüsse aus dem Bereich des Jazz ausgezeichnet haben, den höchst unterschiedlichen bewussten und unbewussten Umgang mit der Erinnerung darstellen. 

Leider gibt es zu diesem Thema bislang nicht viel Material. Natürlich war mir "DJ Culture" von Ulf Poschardt eine hilfreiche Quelle und auch Diederichsen hat einige Vorträge und Artikel (meist in SPEX) veröffentlicht. Doch sind Aussagen seitens der Musiker zum Thema selten. Deshalb lässt es sich nicht vermeiden in meinem Text viel zu vermuten und Texte und die wenigen existierenden Aussagen zu interpretieren.

2. Über die Entstehung des Sampling:

2.1. Technik
Ohne auf die genauere Herkunft des Deejaying mit seiner Tradition in den jamaikanischen Soundsystems einzugehen, will ich zunächst den Ursprung, bzw. deren technische Entwicklung, der noch heute relevanten Hauptwerkzeuge für die Kompositionen eines Hip Hop DJs darstellen.
Im Jahr 1973 begann der aus Jamaika stammende und in New York lebende Kool DJ Herc sein erstes eigenes Soundsystem (die „Herculoids“) aufzubauen. Mit Hilfe von zwei Plattenspielern, einem Mixer, einem Verstärker und riesigen Bassboxen legte er zunächst Reggae-Platten aus seiner Heimat auf, erkannte jedoch bald, daß das Publikum mit Funk-, Latino- oder Discomusik mehr anfangen konnte.
Früh bemerkte Herc, daß spärlich instrumentierte Rhythmuspassagen (Beispiel: James Brown Funky Drummer, 1970) auf seinem Soundsystem besonders gut klangen und das Publikum zum Tanzen animierte. Um diese Momente zu verlängern besorgte sich der DJ ein zweites Exemplar der selben Platte und verlängerte die Instrumentalteile (Break), indem er sie abwechselnd auf dem einen und dem anderen Plattenspieler laufen ließ.
Was sich so simpel anhört, war für die Entwicklung des Hip Hop maßgebend. Der DJ wurde zum Komponisten und Autor. Zum ersten Mal sah man ein Musikstück nicht als unantastbare Einheit, sondern als Material für neue Kompositionen mit eigener Dramaturgie. Die verwandten Teile waren dabei nicht aus dem Originalkontext genommen, weil er nicht geschätzt wurde, sondern weil er im Kontext der eigenen Kreation besser einsetzbar war. 

Durch DJ Grandmaster Flash, einem ausgebildeten Elektrotechniker, wurde das Mischen der Breakbeats so perfektioniert, daß man keine Übergänge mehr erkennen konnte. Zwischen die Breakbeats begann Flash nun kurze Passagen (wie z.B. Ausrufe) anderer Platten einzustreuen, die mittels schnellem Zurückziehen endlos oft wiederholt werden konnten.
Um seine live auf Partys oder im Studio hergestellten Mixstücke zu perfektionieren, addierte Grandmaster Flash einen dritten Plattenspieler zu seiner Anlage (nicht wie heute üblich ein Technics 1200 MK2, sondern ein dritter Technics 1100 A, den Flash für den besseren hielt.) Während auf den ersten beiden, verbunden mit den Crossfadern, die Beats liefen, konnten von dem dritten bestimmte Geräusche, Worte oder Instrumentalschnipsel hinzugefügt werden. Verteilt über fünf Kisten konnte Grandmaster Flash seine Platten nun ideal zu seinem eigenen Sound vermischen. 

Schließlich wurden die Anlagen der Deejays um eine analoge Schlagzeugmaschine erweitert, die zunächst nur einige wenige Rhythmusmuster gespeichert hatte und diese endlos wiederholen konnte. Die Beatbox führte den DJ das erste Mal über den Rand seiner eigenen Plattenteller ins Reich des Musizierens und freien Komponierens. 1978 sollte die Firma Roland die erste Drummachine mit eigenem Mikroprozessor auf den Markt bringen. Diese hatte auch eingespeicherte Rhythmen, bot aber die Möglichkeit, auch eigene Percussion-Muster einzugeben, deren Lautstärke und Länge regulierbar waren und aus- und eingefadet werden konnten. Somit konnten sogar beide Plattenspieler benutzt werden, um das Rhythmusgerüst mit besonderen Elementen aus der Plattenkiste anzureichen und auszuschmücken.
Mit der Erfindung des Samplers (der Akai S1100 entwickelte sich schnell zum Standard für DJs, die ihre Werke auch auf Tonträgern speichern wollten) war es schließlich möglich Klänge aufzunehmen, in digitale Form umzuwandeln und schließlich zu manipulieren und zu bearbeiten. War Scratchen und Mixen die bis dahin einzige Möglichkeit gewesen, Ausschnitte aus anderen Liedern für sich zu verwenden, förderte der Sampler den entscheidenden Schritt des DJs weg von den Plattenspielern. Mit der Vergrößerung der Speichermöglichkeiten der Sampler verlagerte sich die Klangspeicherung von den Plattenspielern hin zum Sampler. Auch gibt es die Möglichkeit nach dem Samplen noch Geräusche, die nicht in das Konzept der Komposition passen, herauszufiltern: 

What I’d do is, if I was trying to get a sample and there was something on top of it, vocals or whatever, then I’d sample it and then filter off all the top(…)[iii]

Von jetzt an konnte man die Bassline und die Percussion eines alten Funkstücks aufnehmen und endlos wiederholen (Loop). DJ Premier von der Gruppe Gang Starr bezeichnet die neuen durch den Sampler gegebenen Möglichkeiten folgendermaßen:


It was all about layering the sample, taking the main groove and looping it and then taking other sounds and putting them on top of the loop to make it sound a complete song. You take the samples and create a new song. It’s like if you had your own band.[iv]


2.2. Musik
Mit der Entwicklung des Samplers, wurde dann auch die Frage nach den zu samplenden Sounds akuter:
zunächst soll auf Afrika Bambaataa hingewiesen werden und auf seinen Einfluss auf die Auswahl der Musik und Geräusche, die Teil dieser neuen Kompositionen werden sollten. Unter dem Motto „Positivity“ nahm er neben den üblichen Funk- und Soulplatten, Musik verschiedenster Herkunft mit in sein Programm auf (Edith Piaf, die Monkees und Led Zeppelin um nur einige zu nennen), die ihn, und sei es nur wegen einer minimalen Passage, ansprachen. Je schräger und ungewöhnlicher  der eingestreute Sound war, desto höher war der Respekt (props), den er damit bei den Kollegen erntete. 

(...) ein entlegenes, aber funktionierendes Sample steigerte das Prestige und die Aussagekraft eines Hip Hop-Tracks und konnte im Verhältnis zum Rap dessen Bedeutung modifizieren, stärken oder konterkarieren. [v]


In manchen Fällen wird bewusst mit einer den meisten Hörern bekannten Vorlage gearbeitet. Häufig soll jedoch auch gerade vermieden werden, ein Sample zu erkennen. Nicht erst auf der CD „Moment of Truth“ der Gruppe Gang Starr, auf die ich später noch einmal kommen werde, findet sich ein Statement gegen Plattenfirmen, die für ihre Wiederveröffentlichungen mit den Namen der Bands werben, die diese verwendet haben (Gang Starr Moment of Truth, 1998). Ähnliches störte auch schon Eric B in den Achtziger Jahren, der „solche Enthüllungen als ein Geschenk an die Faulen, als Verfall der Detektivkünste guter DJs“ empfand.
Die Folge dieser „Geheimniskrämerei“ ist jedoch, daß eine genauere Analyse verschiedener Hip Hop Tracks (fast) nie vollständig sein kann, da es nicht immer möglich ist, die Herkunft mancher Samples komplett zu klären. Wenn ich im folgenden auf verschiedene Stücke und die Art und Weise des Samplings eingehen werde, will ich trotzdem so weit wie möglich versuchen, die verwandten Samples einzuordnen, bin mir aber bewußt, daß das teilweise nur oberflächig funktionieren kann. Eine gute Hilfe beim Einordnen des verwandten Materials war mir die Webpage:.
(http://members.accessus.net/~xombi/intro.html)

3. Jazz und Hip Hop

Als DJs in den frühen Siebziger Jahren anfingen Instrumentalteile von aktuellen Stücken mittels zweier Plattenspieler zu verlängern, geschah das, „weil sie den der Waren- und der Songform zum Opfer gefallenen, ursprünglichen, eigentlichen und endlosen, repetitiven Funk rekonstruieren wollten.“ Titel wie „Funky Drummer“ von James Brown, der einer der am meisten gesampleten Songs überhaupt ist, hatten nicht selten eine Länge, welche die Zehn-Minuten-Grenze weit überschritten. Einen großen Teil dieser Zeit wurde nur mit Schlagzeug, kurzen Bläsersätzen und Ausrufen James Browns gefüllt.
Wie ich bereits dargestellt habe, veränderte sich mit der Etablierung speicherfähiger Sampler, die Art der Quellen, die von DJs verwandt wurde und folglich der Klang der Musik. „Unsere Musik ist so geworden (...) weil unser Background uns geformt hat,“ so Trugoy von der Gruppe De La Soul. Mit einem Male stand nicht mehr der Zweck des Samplens im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, die gesamten musikalischen Einflüsse und Erinnerungen in eine neue eigene Form zu bringen.
1988 erschien auf dem ersten Album der Gruppe Gang Starr ein Song mit dem Titel „Jazz Music“ und dieses Datum lässt sich vielleicht als Beginn einer Welle von Jazzbezügen im amerikanischen (und kurze Zeit später im europäischen) Hip Hop konstatieren.
Anfang der Neunziger war die Hochzeit für jazzbeeinflussten Hip Hop. In England gründeten sich Labels, wie Acid Jazz und Talkin‘ Loud, die unter dem sehr weit gefassten Begriff "Jazz"  Soul-, Rap-, Funk- und auch Jazzacts zusammenfassten. Die Gruppe Galliano samplete und zitierte auf ihrem ersten Album „In Pursuit of the 13th Note“ von 1991 (erschienen auf Talkin‘ Loud) nicht nur Ausschnitte aus Songs des Vibraphonisten Roy Ayers, sondern lud ihn sich gleich als Gastmusiker dazu ein auf den Bearbeitungen seiner eigenen Stücke zu spielen. In Hamburg und München gründeten die DJs Oliver Korthals bzw. Michael Reinboth Clubs, in denen fast ausschließlich zu Jazz und Rare Groove Tracks aus den Jahren 1950 bis 1980 getanzt wurde.

3.1. Gang Starr „Jazz Thing“ – Deejaying als Improvisation

Zwei der markantesten und prägendsten Stücke, der Zeit in welcher der sogenannte Jazz-Hip Hop / Hip Hop-Jazz aufzublühen begann, nämlich das eben erwähnte „Jazz Music“ und das 1990 erschienene „Jazz Thing“, stammten von der Gruppe Gang Starr, bestehend aus dem Rapper G.U.R.U. (Gifted Unlimited Rhymes Universal) und dem DJ Premier.

Im Jahr 1990 komponierte Gang Starr für den Soundtrack zu Spike Lees Film „Mo‘ Better Blues“ den Song „Jazz Thing“[vi], der im Film über dem Abspann lief. Die Einladung Lees kam nicht von ungefähr: schon von Beginn an seiner musikalischen Laufbahn bis heute hat DJ Premier immer wieder Jazzsamples eingesetzt. 

Meine Mutter und mein Großvater, die massenweise Jazz-Platten haben, brachten mich schon in jungen Jahren drauf und verschafften mir einen guten Background. Viele Samples, die wir heute verwenden, habe ich seit Jahren im Kopf.[vii]

Inhaltlich gibt Guru dem Hörer eine Lektion in Jazzgeschichte („Now dig the story and follow“): von der Ankunft der Sklaven in Amerika über „Satchmo“, „Diz and Bird“ und John Coltrane bis zu Ornette Coleman. Er schließt seinen Rap mit der Prophezeiung:


Jazz ain’t the past, this music’s gonna last
And as the facts unfold, remember who foretold
The 90‘s, will be a decade of a jazz thing


Im Gegensatz zu anderen Musikern nach ihm, versucht DJ Premier gar nicht erst mit Jazz Thing die Atmosphäre / die Aura des behandelten Themas aufleben zu lassen. Er beginnt sein Stück ironisch mit dem Sample eines Ausspruchs von (vermutlich) Charles Mingus: „I would like to play a little tune I just composed not so long ago.“ Von Anfang an macht Premier hier klar, daß er seine Musik, die ganz klar kein Jazz sein will, sondern Hip Hop, nicht als minderwertig sieht, sondern durchaus auf einer Ebene mit Jazz. Von daher wäre jede Anbiederung an ein mit „jazziger“ Atmosphäre verbundenes Klischee hier unpassend. Dieses Selbstverständnis zeigt sich in der Ernsthaftigkeit mit der er an sein Stück herangeht. Die Erinnerung soll nicht wehmütig sein, sondern zeigen, daß die Ideen und Visionen der von Guru beschriebenen  Musiker noch heute ihre Relevanz haben („Scheming on the meaning of a jazz thing“) und vor allem häufig denen des Hip Hop ähneln.Die dem Mingus-Spruch folgende kurze Collage unterstreicht diesen Eindruck. Premier versammelt hier Aussprüche und Ausschnitte aus Jazzimprovisationen und Bläsersätzen, lässt sie jedoch mit einem Sampling eines frühen Gang Starr Titels „Jazz Music“ enden („The music called jazz“). 

Konsequenterweise unterlegt er Gurus jetzt folgenden Rap neben dem, live eingespielten Kontrabass, mit einem Ausschnitt aus einem Funkstück („Duji“ von Kool & the Gang), jedoch immer wieder, in klassischer DJ Tradition, unterbrochen von Fill-Ins, die von Jazzplatten stammen. Im Refrain und am Ende schließlich scratcht er auf dem Ausspruch „I love Jazz music.“ Premier verhindert so eine diffuse nur der Atmosphäre gleichenden Erinnerung an die „glorreichen“ Tage des Jazz, sondern fördert eine konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema beim Hörer. Insofern überwiegt das nachvollziehende Hören, trotz der eingefügten Samples.

3.2. A Tribe Called Quest „Jazz (We've Got)"– Rap als Improvisation

Im Gegensatz zu Gang Starr, verwendet die ebenfalls aus New York stammende Gruppe A Tribe Called Quest Jazzsamples in einem persönlicheren und weniger herausstellenden Form. Bereits für ihr erstes Album People’s Instinctive Travels And The Paths Of Rhythm wurden sie für eine neue „Verinnerlichung und Verschmelzung von Vorhandenem“ als Erneuerer des Hip Hop gepriesen. Hier wurden die Klänge des „Kinderzimmers“, der Vergangenheit, nicht mehr als Besonderheit ausgestellt, im Sinne einer Aufforderung an den Hörer die Quellen zu erkennen, wie es im Jahr zuvor noch bei der Gruppe De La Soul auf ihrem Album 3 Feet High And Rising geschah, sondern selbstverständlich als „das von den Künstlern längst losgelöst eigenständig lebende GESAMTE“  präsentiert.

Mit ihrer zweiten Platte The Low End Theory wiederum setzte die Gruppe neue Maßstäbe in Sachen Reduzierung. Das Vorhandene wird hier beschränkt auf ein Mindestmaß. An musikalischer Begleitung passiert nicht viel mehr, als daß ein (Kontra-)Bass und ein Breakbeat mit wenigen, klug eingesetzten Jazz- und Funksamples verbunden werden. Eine Kunst des Nötigsten. Was übrigbleibt ist zunächst die Essenz des Hip Hop: Beats and Rhymes. Trotzdem wird die Verbindung zur Vergangenheit hergestellt: unterlegt nur mit einem gesampleten Kontrabass eröffnet der Rapper Q-Tip („The Abstract Poetic"), wie er sich in seinen Texten nennt) mit diesen Worten im Eröffnungstrack Excursions des zweiten Albums der Gruppe A Tribe Called Quest. .



Back in the days when I was a teenager
Before I had status and before I had a pager
You could find the abstract listening to Hip Hop
My Pop used to say it reminded him of Bebop
I said, well daddy, don’t you know that things go in cycles

Passend zu Q-Tips Worten ist „The Low End Theory“ auch ein erstes Beispiel einer Zusammenkunft von klassischen Jazztraditionalisten mit ihren selbsternannten Erben. Für das Stück „Verses from the Abstract“ wurde der ehemalige Bassist des Miles Davis Quintetts, Ron Carter, ins Studio geholt, um dort einige Bassläufe für die Band einzuspielen. Nachträglich wurden diese Läufe wieder gesamplet bzw. zerschnitten und an verschiedenen Stellen verwendet. Insofern ist ihre Affinität zum Jazz auch eher geistig zu sehen: durch eine neue Ernsthaftigkeit im Umgang mit der Musik. Es geht um ein Herausstellen einer Linie, ausgedrückt im Respekt gegenüber der Musik, die sie beeinflusst haben. Respekt, der nicht ausgestellt werden muss. So versucht die Band in Interviews immer wieder zu betonen, daß sie nicht kommerziell beim Gebrauch der Samples denken: 

Es war nie unser Ziel, Jazz-Hip Hop zu machen. Wir haben die Samples ohne großartige Hintergedanken verwendet. Einfach so, weil uns die Musik gefiel.[viii]

In ihrem Song Jazz (We’ve Got) werden die Raps, ähnlich wie auch schon bei DJ Premier, bewusst mit einem klassischen Funkbreakbeat unterlegt („Don’t Change Your Love“ der Five Stairsteps). Statt zu versuchen, mittels Sampling einen „Jazzklang“ zu erzeugen, wie wir es noch später finden werden,  bezieht man sich bewusst auf die eigene Tradition und versucht sich nicht in der Erinnerung sein Heil zu suchen. DJ Ali Shaheed Muhammad bringt es auf den Punkt:


Der Titel „Jazz (We’ve Got) auf der neuen Platte hat nicht viel mit Jazz zu tun, nichts mit Jazzmusik oder ihren Musikern. Ok, es ist gesampleter Jazz, doch dahinter steht kein programmatischer Anspruch. Es ist halt ein Freestyle-Song. Alles, was wir machen, ist irgendwie Jazz.[ix]


Unabhängig vom Inhalt, in dem es um das Präsentieren der eigenen Reimfähigkeiten geht, ist der Freestyle-Rap, d.h. ein Text der ohne vorherige Niederschrift aus dem Stand gerappt wird, die größte Gemeinsamkeit zur Improvisation des Solisten im Jazz. „In den frühen Tagen war Hip Hop Improvisation – musikalisch wie vokal.“[x]  Auch auf Konzerten zeigt sich die Ähnlichkeit zum Jazz. Den Begriff der battle finden wir ja bereits bei den berühmten Improvisationsduellen zwischen Coleman Hawkins und Lester Young im Kansas City der 1930er Jahre. Heute versuchen die Rapper sich gegenseitig mit Worten zu bekämpfen: wer hat das größte Vokabular, die besten Reime wund die einfallsreichsten Repliken.
Für Diederichsen muss ein Rap nicht einmal improvisiert sein, um ihn in einer Linie mit Jazz zu sehen: Sprache setzt sich an die Stelle der Melodielinien des solistisch spielenden Instrumentalisten, die vom Hörer wiederum wie eine Sprache verstanden werden sollte. Mit der, eben bei „The Low End Theory“ beschriebenen Reduktion, wird für Diederichsen das Kernmodell von Jazz freigelegt: „Rhythm’n’Solo, kollektiver Groove/individuelle Story. Die europäische Lügenscheiße der Melodie auch noch über Bord werfen, und am Schluss bleibt Kommunikation und Beats. African Culture mit der neuesten Technologie der Unterdrücker.“[xi]


3.4. Freestyle Fellowship „Inner City Boundaries“

Das Essentielle jeder Jazz-Definition ist die Improvisation. Im Hip Hop findet sich dieses Element, wie wir gerade gesehen haben, am ehesten im Scratching und dem Freestyle-Rap. Laut David Toop könne man „eine Linie vom Scat-Gesang über jede Art vokaler Improvisation bis zum Rap ziehen. Es ist jeweils dasselbe Prinzip, die Stimme als Instrument und Klangquelle einzusetzen.“[xii]  Diesem  Gedanken folgend wird in dem Song „Inner City Boundaries“ auf dem 1993 erschienen Album „Inner City Griots“ der Gruppe Freestyle Fellowship, erstmals versucht den Rap, bzw. den Rap-Gesang (was in diesem Falle kein Widerspruch ist) in Anlehnung an die Ursprünge, um weitere Elemente zu erweitern: der Vocalese und des Scatgesangs, wie sie von dem Gesangstrio um die beiden Sänger Dave Lambert und Jon Hendricks und die Sängerin Annie Ross (in den letzten zwei Jahren durch Yolande Bavan ersetzt) zwischen 1957 bis 1964 geprägt wurden.
In erster Linie mit den Texten von Jon Hendricks sang das Trio die Originalarrangements bekannter Jazzaufnahmen damaliger Standards. Diese Vocalese genannte Form des Jazzgesangs findet sich das erste Mal bei dem von Jon Hendricks verfassten Text über ein Solo des Saxophonisten James Moody auf dem Titel „I’m In The Mood For Love“, das berühmt wurde durch die Interpretation von King Pleasure, dem ersten Vertreter der Vocalese.
Die Sänger beschränkten sich dabei nicht nur auf Strophe und Refrain, sondern betexteten und /oder sangen in erster Linie über die Soli der Musiker der Originalaufnahme(n). (Beispiel: Lambert, Hendricks & Ross Four von der CD The Swingers, 1959)
Der Scatgesang hatte seine größte Popularität zur Zeit des Bebop. Hierbei singt der Sänger zusammenhanglose Silben in Nachahmung instrumentaler Phrasen anstelle eines Textes, was sowohl innerhalb eines Refrains der Fall sein kann, als auch im Rahmen eines Solos. Herausragend hier war unter anderen die Sängerin Ella Fitzgerald. 

Aceyalone, Rapper bei Freestyle Fellowship, sieht den Einfluss der Altvorderen auf sich folgendermaßen: 

I try to look at all the elements and spiritual qualities and then re-vamp it for today. The better musicians know their resources the better artists they are.[xiii]

In diesem Sinne wird die gesangliche Eröffnung nach einer kurzen Einleitung durch die akustische Begleitung, melodisch an Themen des Bebop oder Hard Bop orientiert:

Once we have the knowledge of self as a people then we could be free
and no devil could ever enter the boundaries
I stand in the center around all these sounds I see
Blessin' Allah that I found the key
That's how we be


Ganz wie in einem klassischen Jazzsong wird dieser "Refrain" im weiteren Verlauf noch zwei Mal von anderen Rappern melodisch variiert (1.Wiederholung, 2.Wiederholung). Es folgen für Hip Hopstücke höchst ungewöhnliche Scatgesänge (1, 2) und Freestyle Raps, unter anderem von Daddy-O, Mitglied der Band Stetsasonic, die mit "Talkin' All That Jazz" von 1988, ähnlich wie Gang Starr zu den Vorreitern im Gebrauch von Jazzsamples gehörten. Begleitet werden die Rapper dabei von einer Band in akustischer Besetzung, die zwar, auch klanglich, einer Jazzband ähnelt, jedoch, wie in den Beispielen vorher, einen geraden Funkbeat spielt. 

Freestyles Fellowship Bekenntnis zu ihren musikalischen Wurzeln zeigt sich noch intensiver als bei Gang Starr und A Tribe Called Quest. Ohne zu imitieren, schaffen sie es sich tatsächlich mit ihrem cultural background auseinander zusetzen. Wie A Tribe Called Quest schließen sie aber den Kreis der Verbindungen indem sie das „Alte“ (Besetzung, improvisierte Melodien) mit dem „Neuen“ (Funkbeat, Freestylerap) kombinieren. Dabei kokettieren sie nicht mit ihrer Affinität zum Jazz, in der Form, daß sie herausstellen müssten, woher ihre Einflüsse kommen. Es liegt nun am Konsumenten die Klänge, die sich ihm auftun, selber zu deuten.

3.4 US3 "Cataloop" – Erinnerung als Selbstzweck

Das genaue Gegenteil zu Freestyle Fellowship ist das britische Projekt US3. Freestyle Fellowship verzichten auf jegliche Samples, während US3 ihre Bezüge zum Jazz allein aus Samples ziehen. Das vielleicht berühmteste Jazzlabel Blue Note überlässt den beiden britischen DJs/Musikern, Mel Simpson und Geoff Wilkinson, den gesamten Backkatalog zur freien Verfügung, um daraus Samples für ihre eigene Musik zu wählen. Herausgekommen sind dabei Songs, die zwar musikalisch nicht sonderlich einfallsreich sind, dafür aber übersprudeln vor mehr oder minder bekannten Samples. Durch diese Anhäufung von Samples scheint die qualitativ minderwertigere neuproduzierte Musik sich mit der Aura dessen schmücken zu wollen, was allgemein mit dem Label Blue Note und dem Jazz der 50er und 60er Jahre verbunden. In dem Song "Cantaloop (Flip Fantasia)" z.B. werden neben den Namengebenden Ausschnitten aus Herbie Hancocks Aufnahme seiner Komposition "Cantaloupe Island" Ausrufe, wie „funky, funky“ oder „Wait a Minute“ und musikalische Ausschnitte aus verschiedenen Blue Note Titeln zusammen geführt, die aber letztendlich nur die gemeinsame Herkunft von dem selben Plattenlabel teilen.


Bei US3 geht es nicht um eine persönliche Auseinandersetzung mit der Musik der eigenen Vergangenheit, zumindest nicht primär, sondern um die Vergangenheit des Labels Blue Note. Auch wenn andere Musiker ihre Produkte ebenso verkaufen möchten, kann man doch bei US3 am ehesten von einer rein kommerziellen Produktion sprechen. Doch auch hier hat die Erinnerung eine bedeutende Funktion, denn die Musiker handeln im Auftrag der Plattenfirma Blue Note, welche die Musik als Plattform nutzt, sich beim Hörer wieder in Erinnerung zu rufen und folglich Lust auf die alten Platten des Labels zu machen. Zur selben Zeit wie „Hand on the Torch“ wird von Blue Note übrigens die Compilation „Straight, No Chaser“ veröffentlicht, auf der sich auf zwei CDs sämtliche Samples, die auf „Hand on the Torch“ verwendet wurden, in voller Länge befinden. Letztendlich wirkt US3, wie inspiriert vom Werbespruch der Disney-Company fürDisneyworld: „Erfahren Sie die alte Welt, ohne hingehen zu müssen.“
Eher als bei den anderen Beispielen erkennt man bei US3 die Bemühungen sich tatsächlich mit der Aura des Vergangenen, d.h. der alten Blue Note Aufnahmen zu schmücken. Während die anderen Bands stets ihre street credibility betonen, versucht US3 allein schon durch die Zugehörigkeit zum Label Blue Note, sich davon abzusetzen, selber „Jazz“ zu sein.

Hinzu kommt leider des öfteren eine unangenehme, rückwärtsgerichtete Sentimentalität, die Hip Hop mit jener ekligen Jazzromantik anreichen will, die sich aus der Verklärung von Existenzialismus, 50er Jahre Design und dem puren Sound des Jazz zu jener Zeit, unabhängig von seinem Inhalt und somit seiner Qualität, ergibt.[xiv]

Outro
  Es wurden jetzt vier Beispiele gezeigt und gehört in denen junge Hip Hop-Musiker sich aus unterschiedlichen Gründen und auf unterschiedliche Weise der Originalquelle Jazz angenommen haben: Zunächst die Gruppe Gang Starr, die im Text bewusst an die alten Helden des Jazz erinnert und so nicht nur die eigene Auseinandersetzung mit den eigenen Einflüssen demonstriert, sondern dasselbe vom Hörer verlangt. Bei A Tribe Called Quest zeigt sich am ehesten musikalisch und textlich die Einheit der "afro-diasporischen Musiken". Freestyle Fellowship wiederum versuchen, ohne Sampling, durch für den Bereich des Hip Hops ungewöhnliche Einflüsse, die Kunst des Sprechgesangs zu erweitern. Bei US3 schließlich finden wir ein Erinnern, dass allein durch Samples entsteht und weniger persönlich ist, da es „im Auftrag“ einer Plattenfirma geschieht. Gleichzeitig spricht US3 den Hörer am klarsten mit einer Vergangenheit an, da es sich ganz explizit auf die glorreichen Tage des Labes Blue Note bezieht (inklusive allem, was man dazu zählt, wie verrauchte Kneipe, Plattencover-Artwork etc.)[xv]

Inwieweit es sich bei dem Spiel mit Jazz um Koketterie, um den Wunsch als „echte Kunst“ geadelt zu werden, handelt oder ob es tatsächlich doch um die Verarbeitung eigener Erinnerung und dem Streben nach dem wiederholen gewisser Erinnerungsmomente geht lässt, sich abschließend nicht beurteilen. Alle vier Beispiele verbindet aber der Zwang beim Hörer sich dem Einfluss / dem Original / der Herkunft dessen, was ihm an den Produktionen bekannt vorkommt, bewusst zu machen.



[i] http://www.art-bag.net/contd/issue2/dd.htm

 

[ii] ebd.

 

[iii] Rule, Greg: The Good, The Bad And The Noisy, in: Keyboards 5/1994, S.32

 

 

[iv] Mat-C: Gang Starr, in: Blues & Soul 8/1999

 

[v] http://www.art-bag.net/contd/issue2/dd.htm

 

[vi] Von „Jazz Thing“ existieren zwei offizielle Versionen, die sich textlich nicht unterscheiden. Zum einen, die auf dem Soundtrack zu „Mo‘ Better Blues“ veröffentlichte, zum anderen der Video Edit, der auch auf der Compilation "Full Clip" erschienen ist. Auf letzteren werde ich mich in meiner Besprechung des Songs beziehen

[vii]Niemczyk, Ralf: Gang Starr, in: Spex 10/89, S. 35

 

 

[viii] Niemczyk, Ralf: A Tribe Called Quest, in: Spex 11/91 S.21

 

[ix] ebd.

 

[x] Toop, David: Teil eines Ganzen, in: Spex 3/91 S.34

[xi] Diederichsen, Diedrich: Jazz – Die instinktiven Reisen der Leute und die Pfade des Rhythmus, in: Spex 1/91, S.38

 

 

[xii] Toop, David: Teil eines Ganzen, in: Spex 3,91 S.34

 

[xiii] http://www.bombHip Hop.com/mikah.htm

 

[xiv] Niemczyk, Ralf: Jahr der Hypes, in: Spex 1/92

 

[xv] In diesem Zusammenhang soll auf Rolf Grossmanns Internetseite Xtended Sampling hingewiesen werden, die sich dieses Thema behandelt